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Kündigungswellen in den Medienhäusern ebben nicht ab
Der große Journalismus-Brain-Drain
Nach einer beispiellosen Kündigungswelle in mehreren Medienhäusern 2025 – vor allem in der Zeitungsbranche – folgte 2026 die nächste Hiobsbotschaft: Bei ProSiebenSat.1 Puls4 steht ein größerer Stellenabbau bevor. Initiativen, die arbeitslosen Medienleuten helfen, werden überrannt, während die Branche einen massiven Brain-Drain erlebt.
5. März 2026, 18:25
Österreichs größte private Sendergruppe baut 45 Stellen ab – rund neun Prozent der Belegschaft. Auch die Nachrichtenredaktion bleibt vom Sparkurs nicht verschont. "Es sind mehrere Bereiche betroffen, unter anderem auch die Nachrichtenredaktion proportional", sagt Co-Geschäftsführer Bernhard Albrecht. Nachrichten und "Public-Value-Inhalte" seien dem Sender weiterhin wichtig, betont er. Auch das Bekenntnis zum News-Sender Puls24 bleibe aufrecht.
Der Betriebsrat arbeitet derzeit an einem Sozialplan. Ende März soll dann feststehen, wer gehen muss. Als Grund nennt Albrecht die anhaltenden Veränderungen am Medienmarkt und den ausbleibenden wirtschaftlichen Aufschwung. Man müsse investieren – ins Programm und in technische Infrastruktur. Es ist nicht der erste Einschnitt für den Privatsender. Schon im Sommer stellte Puls24 seinen Online-Auftritt ein. Neun Beschäftigte verloren damals ihren Job.
Bernhard Albrecht
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Anlaufstelle "Ajour" wird überrannt
Der Sparkurs setzt sich fort. Bereits im Vorjahr gingen in der Branche rund 300 Jobs verloren. Das spürt auch Ajour, eine Anlaufstelle für arbeitslose Journalistinnen und Journalisten. Die Organisation bietet Coaching und Weiterbildung an – und ist seit Monaten am Limit.
"Wir wurden seit Jahresmitte völlig überrannt", sagt Geschäftsführerin Lydia Ninz. Das Arbeitsmarktservice Wien habe die Finanzierung aufgestockt, bis Juni können nun 110 Personen betreut werden. Doch auch jetzt gebe es wieder eine Warteschlange.
Immer häufiger führt der Weg aus dem Journalismus hinaus. Nur ein Viertel der Teilnehmenden bleibt im Beruf, ein Drittel orientiert sich komplett neu. Die Folge sei ein massiver Wissensverlust in den Redaktionen. "Diese Leute fehlen", warnt Ninz. "Und die, die übrig bleiben, hecheln von einem Termin zum nächsten."
Gewerkschaft warnt vor Abwärtsspirale
Auch die Vorsitzende der Journalistengewerkschaft, Ute Groß, sieht eine gefährliche Dynamik: Personalabbau senke die Qualität – und schwäche damit das Geschäftsmodell weiter. Eine Abwärtsspirale drohe. Schon im Herbst hatte die Gewerkschaft Alarm geschlagen, viel passiert sei seither nicht. Groß fordert erneut finanzielle Unterstützung für die Verlage. "Wir brauchen jetzt, um es klar zu sagen, Geld in den Häusern – sonst wird es bald einige Häuser nicht mehr geben."
Gemeint ist etwa die Vertriebsförderung, die Medienminister Andreas Babler (SPÖ) aufstocken will. Noch ist das allerdings nur angekündigt. Derzeit lässt Babler das Medienhaus Wien eine Studie zu neuen Förderkriterien erarbeiten; bis April soll sie vorliegen. Die Uhr tickt.
Arbeitsstiftung steht bis Sommer
Bewegung gibt es bei einer weiteren Forderung der Gewerkschaft: einer Arbeitsstiftung für gekündigte Medienleute. Immerhin könnten viele Jobs dauerhaft wegfallen. Der Verband Österreichischer Zeitungen (VÖZ), das AMS und die zuständigen Ministerien seien an Bord, sagt Groß. Bis zum Sommer soll es Ergebnisse geben.
Die Medienwelt erlebe eine tiefgreifende Disruption, sagt die Politikwissenschafterin Julia Partheymüller von der Universität Wien. Im Rahmen der Wahlstudie AUTNES untersucht sie seit Jahren das Mediennutzungsverhalten in Österreich. Lineares Fernsehen und Printzeitungen werden für die Gen Z – also jene Generation, die rund um die Jahrtausendwende geboren wurde – immer irrelevanter. Dadurch wandern wichtige Werbegelder ab.
Medienkrise wird zu Demokratiekrise
Für Julia Partheymüller wird die Medienkrise auch zur Demokratiekrise. "Man muss verstehen: Freie Medien sind nicht nur ein Businessmodell, mit dem Medien Geld verdienen, sondern sie sind die Infrastruktur für unsere Demokratie." Gleichzeitig bauen Parteien und Regierende ihre eigenen Kommunikationskanäle aus. Fast 500 Personen machen Öffentlichkeitsarbeit allein für die Bundesregierung, wie "Der Standard" recherchiert hat. Das erschwere unabhängigen "Watchdog-Journalismus", der den Mächtigen auf die Finger schaut, noch einmal.
Erstaunlich leise Branche
Trotzdem bleibt das Echo auf die eigene Krise erstaunlich leise, beobachtet Lydia Ninz von Ajour. "Da habe ich den Eindruck, dass man irgendwie den Ball flach halten will. Man will da nicht Negatives verbreiten." Das sei ein Armutszeugnis für den Journalismus, so Ninz.
Auch Ute Groß wünscht sich mehr klare Worte. "Die Dinge sind, wie sie sind. Die Wahrheit ist den Menschen zumutbar. Die Wahrheit ist der Politik zumutbar. Und ich hätte mir aus der eigenen Branche mehr an Deutlichkeit und Aufmerksamkeit gewünscht."
Nachwuchs ohne Perspektive?
Besonders schwierig ist die Lage für den Nachwuchs. "Sie sind gut ausgebildet, sie können alles – aber sie finden keine Jobs", sagt Ninz. In Österreich bilden 14 Institutionen jedes Jahr Journalistinnen und Journalisten aus. "Wo sollen sie unterkommen, wenn die Medienlandschaft schrumpft und fast alle kündigen?"
