Tonspuren

Die Skandalistin Jesenská

Aus dem Leben und Werk von Milena Jesenská, Franz Kafkas erster Übersetzerin

Obwohl ihr Leben außergewöhnlich und turbulent und ihr Tod im KZ besonders tragisch war, könnte man Milena Jesenskás Biografie auch als exemplarische Frauenbiografie der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sehen: Sie beginnt mit dem allgemeinen und vagen Versprechen von Freiheit und nahezu unbegrenzten Möglichkeiten. Was passieren kann, wenn dieses Versprechen der Moderne nicht gehalten wird, weil der Traum unter die Räder der Weltgeschichte gerät, davon zeugt Milena Jesenskás Leben.

Milena Jesenská war Franz Kafkas erste Übersetzerin, eine brillante Journalistin, ein empathischer Mensch und eine mutige Widerstandskämpferin. 1896 wird sie in Prag geboren, die Mutter stirbt früh, der Vater ist überzeugter tschechischer Nationalist. Nationale Emanzipation geht Hand in Hand mit der Emanzipation der Frauen, und deshalb besucht Milena Jesenská das erste Mädchengymnasium Mitteleuropas, das Minerva-Gymnasium. Sie schert sich wenig um bürgerliche Konventionen und flaniert mit ihren Freundinnen in eleganten Kleidern durch die Stadt und durch die Kaffeehäuser. Die drei werden "výtržnice", Skandalistinnen, genannt.

Ernst Pollak - der Vater ist außer sich

Als Milena sich in Ernst Pollak verliebt, ist ihr Vater außer sich - ein deutscher Jude! Sie wird schwanger und verblutet bei einem Abtreibungsversuch beinahe. Daraufhin weist er seine minderjährige Tochter in eine psychiatrische Klinik ein. Weil nicht einmal das Milena von ihrer Liebe zu Ernst abbringt, stimmt der Vater einer Hochzeit zu, allerdings muss das Paar Prag verlassen. So landen sie im Frühjahr 1918 in Wien. Ernst verkehrt in Literatenkreisen, Milena ist einsam und unglücklich, versucht sogar, sich umzubringen. Sie muss Geld verdienen und so beginnt sie, für tschechische Zeitungen zu schreiben.

In dieser Zeit übersetzt sie eine Erzählung des damals recht unbekannten Franz Kafka und der vielleicht schönste Briefwechsel der Weltliteratur entspinnt sich. Kafkas Briefe sind durch glückliche Umstände erhalten, ihre nicht. Aber die Adressatin wird so vor dem Vergessen bewahrt.

1939 - "Vorbereitung zum Hochverrat"

Mitte der 1920er Jahre: Geschieden und als bekannte Journalistin kehrt Milena nach Prag zurück und arbeitet mit Absolventinnen des Minerva-Gymnasiums zusammen. Möglicherweise ist die Zeit die glücklichste ihres Lebens. Sie verkehrt in linken Künstlerkreisen, sympathisiert mit den Kommunisten und heiratet den avantgardistischen Architekten Jaromír Krejcar. Die Tochter Jana kommt 1928 nach großen Komplikationen zur Welt. Die Folgen sind Schmerzen, Morphiumsucht und Ende der Ehe.

Nach einem Entzug im Jahr 1937 schreibt sie politische Reportagen für die angesehene liberale Wochenzeitung "Přítomnost". Milena Jesenská berichtet und warnt. Die Tschechoslowakei und die Welt. Vergeblich: Im September 1938 wird auf der Münchener Konferenz die Abtretung der "Sudetengebiete" beschlossen, im März 1939 besetzt das Deutsche Reich die noch unabhängigen Teile der Tschechoslowakei. Milena Jesenská betätigt sich als Fluchthelferin und schreibt für die illegale Zeitschrift "V boj". Im November 1939 wird Milena Jesenská verhaftet. Ihr wird "Vorbereitung zum Hochverrat" vorgeworfen. Im August 1940 wird sie in das KZ Ravensbrück deportiert, wo sie 1944 stirbt.

Text: Christine Marth