ORF/HANS LEITNER
Wie Frauen im Job immer wieder Übergriffe erleben
Kampfansage gegen Machtmissbrauch
Nach der Causa Weißmann geht es auch um die Frage: Wie geht es Frauen im ORF? Laut Statistik Austria ist jede vierte Frau von Belästigung am Arbeitsplatz betroffen - und das spiegelt sich auch im ORF wider. Nur der Anspruch des Öffentlich-Rechtlichen ist größer. Helfen soll jetzt eine neue, externe Meldestelle.
9. April 2026, 15:06
Es war ausgerechnet der Frauentag, an dem Roland Weißmann als ORF-Generaldirektor zurückgetreten ist, weil ihm eine Mitarbeiterin Fehlverhalten vorwirft. Jahrelang soll er sie unter Druck gesetzt haben. Die ORF-Compliance-Stelle hat "unangemessenes Verhalten" festgestellt, nicht aber sexuelle Belästigung im rechtlichen Sinn. Das Dienstverhältnis mit Weißmann wird dennoch aufgelöst, er will dagegen klagen.
ORF/HANS LEITNER
Wenn Aussage gegen Aussage steht
Bei solchen Fällen stehe es oft Aussage gegen Aussage, sagt Barbara Tóth vom Falter, die als einzige Journalistin direkt mit der Betroffenen gesprochen und Einsicht in die Kommunikation zwischen Weißmann und der Frau gehabt hat. "Das Material hat mich letztlich sehr überzeugt. Die Frau selbst halte ich auch für äußerst glaubwürdig", sagt Tóth.
Dass die Frau mit ihrem Anwalt direkt den Stiftungsrat informiert hat und nicht den Weg über die internen Stellen gegangen ist, sei kein Wunder. Immerhin seien die Strukturen im Haus alle dem Generaldirektor unterstellt, der im konkreten Fall selbst Beschuldigter ist.
Als erste Konsequenz hat die neue interimistische ORF-Generaldirektorin Ingrid Thurnher nun eine externe Meldestelle angekündigt. Sie soll schon bald ihre Arbeit aufnehmen. "Ich möchte aber trotzdem betonen, dass die Stellen, die wir im Haus haben, alle hervorragende Arbeit geleistet haben – auch im Zusammenhang mit dem gerade aktuellen Fall", so Thurnher.
Bestehende Strukturen und ihre Grenzen
Aktuell landen jeden Monat zwei bis drei Fälle auf dem Tisch der Gleichstellungsbeauftragten im ORF. Sie sind zur Verschwiegenheit verpflichtet, arbeiten weisungsfrei und sind – neben der Gleichstellungskommission, dem Betriebsrat und einem elektronischen Whistleblower-System – eine der bestehenden Anlaufstellen für Betroffene von Übergriffen oder Diskriminierungen. Nach Angaben der Gleichstellungsbeauftragten Katia Rössner hat die Zahl der Beschwerden in den vergangenen Jahren zugenommen. Das liege aber daran, dass es heute mehr Bewusstsein gebe als früher, sagt Rössner. "Jetzt wehren sich die Frauen – und das ist gut so."
Katia Rössner
ORF/HANS LEITNER
Ein strukturelles Problem wird sichtbar
In einer internen Umfrage 2019 hat jede dritte Frau im ORF angegeben, Fehlverhalten erlebt zu haben. Ungefähr jede siebte berichtete sogar von körperlichen sexuellen Übergriffen. Das Magazin "News" hat kürzlich in einer Cover-Geschichte Frauen im ORF anonym ihre Erfahrungen erzählen lassen. "Seine Hand lag die ganze Zeit auf meiner Schulter. Bevor er ging, streichelte er sie. Es gab keinen Grund für diese Nähe, die in mir direkt Ekel auslöste", heißt es da etwa. Oder: "Er war 20 Jahre älter, verheiratet und schrieb mir noch am selben Abend mehrere private Nachrichten."
DANIEL NOVOTNY
Sophie Rendl
Die Führungskräfte sind in der Pflicht
Gleichstellungsbeauftragte Katia Rössner sieht, was die Unternehmenskultur angeht, vor allem Führungskräfte in der Pflicht. Dass ein Viertel von ihnen die verpflichtenden Sensibilisierungsschulungen in diesem Bereich noch gar nicht besucht hat, wie im jüngsten Gleichstellungsbericht kritisiert wird, findet sie problematisch. Hier brauche es mehr Druck. "Wir sind ein öffentlich-rechtliches Unternehmen und wir haben dafür zu sorgen, dass Belästigung im ORF keinen Platz hat. Wir haben hier eine besondere Verantwortung."
Gewisse Machtstrukturen als Nährboden
Anfällig für Machtmissbrauch sei nicht nur der ORF, sondern die gesamte Medienbranche, sagt Sophie Rendl. Die Juristin und Gewaltschutzexpertin hat den Verein gegen Machtmissbrauch in Medien namens "Columna V" mitbegründet. Übergriffiges Verhalten werde durch starre und steile Machtverhältnisse begünstigt, sagt Rendl. Es seien aber auch "Dinge wie zum Beispiel die Vermischung von Privat- und Berufsleben, wenn die Arbeitszeiten sehr verschwimmen und zum Beispiel eine ständige Erreichbarkeit besteht". Auch prekäre Arbeitsverhältnisse und überwiegend männlich besetzte Chefetagen können eine Rolle spielen.
Grenzüberschreitungen passieren meist sukzessive und sind nicht immer sofort zu erkennen. Strafrechtlich relevantes Verhalten sei nur die Spitze des Eisbergs, sagt Rendl. Man müsse daher unten anfangen und sich fragen: "Wo und warum wird Machtmissbrauch überhaupt möglich?" Und: "Wie gehen wir auch intern miteinander um? Wie gehen wir mit Personen um, die sich gegen etwas aussprechen?"
JANA HOFMANN
Barbara Blaha
Sexismus als Grundlage von Gewalt
Dass Sexismus und fehlende Gleichstellung der ideale Nährboden für Gewalt an Frauen sind, das betont auch Barbara Blaha, sie ist die Gründerin des Think-Tanks Momentum. Blaha hat sich in ihrem neuen Buch "Funkenschwestern" mit patriarchalen Privilegien auseinandergesetzt, ihre Kritik: "All das nehmen wir mit einem Schulterzucken zur Kenntnis. Und das ist nur deshalb möglich, weil wir alle in einer Welt großgeworden sind, in der es selbstverständlich ist, dass über die Körper von Frauen verfügt werden darf. Die darf man berühren, die darf man kommentieren, die darf man abwerten. Das geht sich alles aus."
Und Aufräumen soll wieder eine Frau
Im ORF soll jetzt Ingrid Thurnher den Scherbenhaufen wegräumen. Dass der Vorwurf der sexuellen Belästigung gegen Roland Weißmann zuerst vom Haus öffentlich erhoben und später zurückgenommen wurde, macht die Aufräumarbeit nicht unbedingt leichter. "Die Frau soll jetzt den Laden retten" – ein bekanntes Phänomen, sagt Barbara Blaha. "Es ist der sogenannte Glass-Cliff-Effekt. Also wenn ein Unternehmen oder eine Organisation in großen Schwierigkeiten ist und wirklich an der Kippe steht, dann findet sich kein Mann mehr, der das Schiff noch führen möchte – sondern dann wird Platz gemacht für eine Frau." Denn dann sei das Risiko zu scheitern zu groß. Und wenn es der Frau gelingt, "dann kann man sie auch wieder sehr schnell ersetzen durch einen Mann", so Blaha.
Der richtige Zeitpunkt für Veränderung
Gewaltschutzexpertin Sophie Rendl spricht dennoch vom richtigen Zeitpunkt, grundlegende Strukturen zu hinterfragen. Die frühere ORF-Journalistin Brigitte Handlos, die viele Jahre im Frauennetzwerk-Medien aktiv war, wünscht sich von Thurnher jetzt maximale Transparenz. Und sie gibt jungen Frauen im ORF einen klaren Tipp.
Sie sollen sich von Anfang an nichts gefallen lassen, meint Handlos: "Gleich ab dem ersten Mal. Ich weiß, dass das schwierig ist, weil man oft so baff und schmähstad ist, dass man sich denkt: Bitte, habe ich da jetzt richtig gehört?“ Doch die Antwort lautet leider fast immer: Ja.
"Die Männer decken sich ja ständig selbst"
Interview mit Brigitte Handlos, Mitgründerin vom Frauennetzwerk-Medien.
