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"Digitale Allianz" als Lobby für benachteiligte Start-ups
Kein Kniefall vor der Medienförderung
Ein erfolgreicher Podcast über Ex-Außenministerin Karin Kneissl zeigt die Lücken bei den Journalismus-Förderungen auf. Medienminister Andreas Babler plant eine große Reform mit Fokus auf Transparenz und Qualität, gleichzeitig formieren sich junge Digitalmedien.
7. Mai 2026, 17:20
Sie war eine anerkannte Nahostexpertin, dann österreichische Außenministerin unter Sebastian Kurz und macht heute Propaganda für den Kreml unter Wladimir Putin. Der unfassbare Werdegang von Karin Kneissl ist der Stoff des viel gelobten Podcasts "Kniefall". Elisalex Henckel-Donnersmarck hat den Podcast gemeinsam mit Paul Koren und Thomas Winkelmüller für das Monatsmagazin "Datum" in fünf Monaten akribisch recherchiert und dabei auch Informanten bei Nachrichtendiensten angezapft.
Bald 70.000 Zugriffe haben die sieben Folgen von "Kniefall" inklusive Making-of bereits erreicht. Podcasts seien eine tolle Möglichkeit, ein breiteres Publikum zu erreichen, sagt Henckel-Donnersmarck. "Ich habe an mir selbst gesehen, wie viel Information man aufzunehmen bereit ist, wenn sie in der richtigen Art und Weise erzählt wird."
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Podcast-Hit legt Schwächen offen
Gefördert wurde das Projekt durch ein Stipendium des "Forum Journalismus und Medien Wien" (FJUM), eine staatliche Unterstützung gab es nicht. "Wir sind da überall rausgefallen", sagt Henckel-Donnersmarck. Immerhin richte sich die Podcast-Förderung nur an Produktionen neuer Episoden bestehender Formate. "Insofern kamen wir dafür nicht in Frage." Dass die Medienförderungen in Österreich nicht treffsicher sind, ist ein altbekannter Kritikpunkt. Auch Andy Kaltenbrunner vom Medienhaus Wien sieht in "Kniefall" das perfekte Beispiel für ein Projekt, das finanziell unterstützt werden sollte. "Derzeit ist es leider so, dass praktisch keine Neugründungen gefördert werden", so Kaltenbrunner. Eine Innovationsförderung und eine Start-up-Förderung seien dringend nötig.
Fördersystem steht vor großer Reform
Kaltenbrunner hat gerade erst eine Studie präsentiert, die für Medienminister Andreas Babler als Grundlage für eine umfassende Reform des gesamten Medienfördersystems dienen soll. Babler kündigt eine Neuordnung an, bei der kein Stein auf dem anderen bleiben soll. Er möchte die Vorschläge in den nächsten zwei Jahren umsetzen. In der Koalition mit ÖVP und Neos muss darüber aber noch hart gerungen werden, gesetzt ist gar nichts.
Die Grundzüge von Kaltenbrunners Vision: In Summe sollen künftig 110 Millionen Euro jährlich aus einem großen Fördertopf verteilt werden. Zersplitterte Förderungen je nach Mediengattung – also TV, Print oder Digital – soll es nicht mehr geben. Geld bekommt, wer journalistische Qualität liefert. Dafür gibt es Kriterien wie ethische Standards, Redaktionsstatuten und Richtlinien für den Umgang mit KI.
Unabhängige Gremien "unösterreichisch"
Die Vergabe der Förderungen soll transparent und regierungsfern ablaufen. Kaltenbrunner plädiert für eine unabhängige Kommission mit auch internationalen Expertinnen und Experten unter höchstrichterlichem Vorsitz. Ein Vorschlag, der in Österreich auf erstaunlich großen Widerstand stößt. Es sei "tragischerweise unösterreichisch", unabhängige Gremien vorzuschlagen, sagt Kaltenbrunner. "Wir sind es ja gerade auch im Medienbereich gewohnt, dass es immer den Versuch von Parteien und der Regierung gibt, Zugriff auf den Journalismus zu haben." Das zeige sich nicht zuletzt auch beim ORF-Stiftungsrat.
Kaltenbrunner hat in seiner Studie auch analysiert, wer bisher am meisten von den Förderungen profitiert hat. Im Jahr 2025 erhielten acht Medienunternehmen mehr als die Hälfte des gesamten Etats. Platz 1 ging an die Mediaprint, zu der die "Kronen Zeitung" und der "Kurier" zählen.
"Digitale Allianz" soll Gründer stärken
Mitreden in der Frage, wie die Förderungen künftig verteilt werden, will nun auch ein neuer Verband: die "Digitale Allianz". Zu den Mitgliedern gehören die Rechercheplattform "Dossier", der Medienwatchblog "Kobuk" und das Magazin für Behinderung und Gesellschaft "andererseits". "Ich glaube, all diese Medien verbindet, dass sie guten Journalismus machen wollen", sagt Gerlinde Hinterleitner. Die langjährige Digitalmanagerin beim "Standard" hat die Digitale Allianz nach ihrer Pensionierung gemeinsam mit Stefan Lassnig vom Podcast-Netzwerk "Missing Link" und Stefan Apfl von "Hashtag Media" gegründet.
Hinterleitner versteht die Plattform nicht nur als Interessenvertretung, sondern auch als Plattform zum Wissensaustausch: "Sehr viele Personen, die neue Medien gründen, sind Journalistinnen, die sich mit solchen Themen vorher nicht beschäftigen mussten. Das ist ja eine große Herausforderung." Die Frage sei: Wie und was kann man von Medien lernen, die es geschafft haben, größer und relevanter zu werden?
Kein Gegenspieler zum Zeitungsverband
Ein direkter Gegenspieler zum Verband Österreichischer Zeitungen (VÖZ), bei dem rein digitale Medien bisher nicht vertreten sind, möchte man nicht sein. Hinterleitner will zusammenarbeiten: "Ich glaube, wir haben eine gemeinsame Aufgabe, und wir sollten gemeinsam schauen, wie wir es schaffen, ein positives Zukunftsbild herzustellen." Konkrete Forderungen an den Medienminister hat die Digitale Allianz noch nicht. Jetzt gehe es einmal darum, die großen Herausforderungen, vor denen alle stehen, gemeinsam zu meistern.
