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Europa, zwölf Punkte

Am 16. Mai ist es wieder so weit: Der Eurovision Song Contest bringt Europa zum Singen - oder zumindest zum Abstimmen. Dass dabei Millionen zusehen, ist einer technischen Innovation zu verdanken: dem Eurovision-Netzwerk der 1950 gegründeten European Broadcasting Union.

Die Schweizer Sängerin Lys Assia, 1956

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Die Schweizer Sängerin Lys Assia, 1956

1956 beginnt alles noch bescheiden als Grand Prix Eurovision de la Chanson Européenne. Sieben Länder treten in Lugano an, die Schweiz gewinnt. 1969 gibt es gleich vier Siege - ein organisatorisches Debakel, das ein neues Reglement erfordert. Nicht nur die Regeln verändern sich, auch die Beiträge und Zuschreibungen. Mit ABBA wird der ESC zum Popformat, während die Teilnahme dem Osten Europas bis 1993 größtenteils verwehrt bleibt. Nur das ehemalige Jugoslawien ist seit Anfang der 1960er Jahre vertreten.

Seitdem ist der Song Contest rasant angewachsen zu einem globalen Spektakel zwischen Kunst, Gesellschaft und Politik, das bis heute Fans wie Gegner:innen zum Diskutieren bringt. Ein Blick zurück wirft die Frage auf: queere Sichtbarkeit, kulturelle Vielfalt oder doch nur kuratierte Einschaltquote im Stimmungsfeld von Europa?

Immer schon auch politisch

„Beim Eurovision Song Contest (ESC) sind politische Botschaften eigentlich nicht erlaubt“, schreibt Kurator Florian Wagner vom Haus der Geschichte Österreich zu der Schau „Unstoppable! Eurovision Song Contest Highlights im Museum“, die zusammen mit der Web-Ausstellung „Protest, Skandale, Politik - 70 Jahre Eurovision Song Contest“ gezeigt wird.

Doch von Beginn an hätten Künstler:innen Mittel und Wege gefunden, diese Botschaften dennoch zu platzieren. „Es gab in Italien Anfang der 1970er Jahre eine Volksabstimmung über die Frage, die Ehescheidung zu illegalisieren. Das Teilnehmerlied in dem Jahr hatte den Titel Sì. Um die Abstimmung nicht zu beeinflussen, hatte sich die RAI entschieden, den Song Contest nicht live auszustrahlen, sondern erst die Wiederholung zwei Wochen später“, erzählt Florian Wagner.

Schmetterlinge, 1977

Schmetterlinge, 1977

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Ein weiteres Beispiel: Mit der Zeile „Music is love for you and me - music is money for the record company“ übte die österreichische Band Schmetterlinge 1977 in dem Song Boom Boom Boomerang Kritik an der mächtigen Musikindustrie - kein Problem für die Statuten des ESC. „Der Song Contest 1990 ist besonders spannend, nach dem Fall der Berliner Mauer und dem Zerfall des Eisernen Vorhangs sind ganz viele Länder mit Liedern angetreten, die sich für offene Grenzen ausgesprochen haben oder Geschichten erzählt haben von Menschen, die sich lang nicht gesehen haben. Österreich war damals vertreten mit Simones Lied Keine Mauern mehr.

"Selbst der Wunsch, den ESC unpolitisch zu halten, ist politisch."

Es gibt viele politische Songs, die die Luft dieser Zeit atmen“, so Florian Wagner. Politisch ist der ESC also bei aller unpolitischen Absicht immer gewesen - was sich bis heute an der Kontroverse um die Teilnahme Israels zeigt. Und die wiederum hatte handfeste Folgen, nämlich den publikumswirksamen Boykott mehrerer teilnehmender Länder.

Der Musikwissenschafter Irving Wolther, der über den ESC promoviert hat, sieht die politische Dimension so: „Jede Unterstellung, bestimmte Länder(gruppen) würden sich immer Punkte zuschanzen, egal, wie schlecht die Songs auch sein mögen, ist politisch, denn sie festigt die Vorstellung, dass die Einwohner dieser Länder nicht so demokratisch denken und handeln wie wir. (…) Selbst der Wunsch, den ESC unpolitisch zu halten, ist politisch, denn er behindert die Kontroverse, die einen Dialog und am Ende womöglich auch einen Konsens herbeiführen kann. Darum: Lassen wir den ESC politisch sein - und miteinander darüber reden.“

Text: Barbara Volfing, Alexander Musik und Claus Pirchner