Buch des Monats: "Diamanten"

ORF/URSULA HUMMEL-BERGER

Juli

Ö1 Buch des Monats: "Diamanten"

Der ebenso präzise wie zärtliche und sarkastisch-humorvolle Debütroman des deutsch-österreichische Filmemachers und Autors David Vajda ist das Ö1 Buch des Monats.

Der deutsch-österreichische Filmemacher David Vajda porträtiert in seinem literarischen Debüt eine unkonventionelle Familie mit ex-jugoslawischen Wurzeln. Gemeinsam besuchen die vier erwachsenen Geschwister und ihr exzentrischer, zum Melodramatischen neigender Vater das Grab von Tito in Belgrad, reisen zu einer Hochzeit nach Griechenland und verbringen Weihnachten in Wien.

Wir verlassen das Gartenbaukino, gehen unter grellen Laternen am Burgring entlang, steigen in eine leere Tram. Am Abend vor Kinderweihnachten ist Wien leer und schön und traurig. Wir nennen es Kinderweihnachten, wenn unser Vater nicht dabei ist. Er kommt erst am 25., weil seine Freundin an Weihnachten nicht reisen will. Er bringe es nicht übers Herz, sie am 24. allein in Belgrad zu lassen.

Unter dem Humor liegt Trauer

Der Vater nennt seine Kinder liebevoll "Diamanten" oder "Mačak" (Kater), aber manchmal auch ruppig "Trotteln". Unter der vordergründig leichtfüßigen Gegenwart verbirgt sich Trauer: In Rückblenden erinnern sich die Geschwister an den jahrelangen Kampf der Mutter gegen den Krebs und ihren Abschied zurück.

Dieses Weihnachten besiegelte das Ende der Geborgenheit und mein Vater versucht es jetzt, vier Jahre später, wiedergutzumachen, als wäre es seine Schuld, dass es Tumore und Selbstbräuner gibt, als wäre es seine Schuld, dass unsere Mutter Liebe gab, als wäre sie ein endloses Gut.

Szenisches Erzählen mit Tiefgang

David Vajda nutzt konsequent szenisches Erzählen und knappe Beschreibungen, verzichtet auf psychologisierende Analysen. Mit Hilfe von realistischen Dialogen und dank stilistischer Souveränität gelingen ihm sowohl präzise Charakterzeichnungen als auch eine wohldosierte Mischung zwischen sarkastisch-humorvoller Distanz und existenzieller Tiefe.

Am nächsten Tag treffen wir unseren Vater im Bräunerhof auf einen schnellen Kaffee, bevor wir fahren. Er wollte aus sentimentalen Gründen in den Bräunerhof. In seiner Wiener Zeit war er immer im Bräunerhof, hat einen Kaffee bestellt und den ganzen Tag gelesen. Es sei herrlich, wie sich nichts verändert habe. Das Schnittlauchbrot sei dasselbe, auch die Kellner sähen so aus, als wären sie dieselben, auch wenn sie es nicht sind. Das Aftershave meines Vaters brennt beim Abschied auf meiner Wange. Er sagt, er werde nicht weinen, aber er sei traurig. Normalerweise weint er immer. Doch diesmal weint er wirklich nicht. Er steht mit seinem massiven Gesicht vor dem Bräunerhof, wie ein Kind, das die Tränen zurückhält, um zu zeigen, dass es keine Angst vor dem Arzt und seiner Spritze hat. "Komm, geht jetzt. Sonst habe ich Knoten im Hals."

David Vajda

David Vajda wurde 1989 in München geboren. Er studierte Philosophie am University College in London und International Politics an der University of Cambridge. Seine literarischen und journalistischen Texte veröffentlichte er unter anderem im "Guardian" und im Magazin "Reportagen". Mit "Jesus Egon Christus" hat er 2021 seinen ersten 51-minütigen Spielfilm in Ko-Regie mit seinem Bruder Saša Vajda abgeschlossen. David Vajda lebt und arbeitet in Berlin und Wien.

Service

David Vajda, "Diamanten", Hanser Berlin

Gestaltung

  • Zita Bereuter

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