Buch des Monats

ORF/ISABELLE ORSINI UND ROSENBERG

August

Ö1 Buch des Monats: "Ein gutes Gespür"

Jess Gibsons Erzählungen, die auf der Suche nach Wahrheit die Grenzen der Wahrnehmung verschieben, sind das Ö1 Buch des Monats.

Zu glauben, die Grenzen unserer Wahrnehmung wären auch die Grenzen des Wahrnehmbaren, ist ein weit verbreiteter Irrtum.

Die Suche nach Wahrheit steht im Zentrum der zwölf Erzählungen von Jess Gibson. Dabei hat die kanadische Autorin eine private Wahrheit zurückgehalten: Den Namen ihrer berühmten Mutter wollte sie nicht erwähnen - zu hoch wären sonst die an sie gestellten Erwartungen. Durch ein während des Interviews zufällig vorbeihuschendes graues Eichhörnchen erwähnte Jess Gibson eine Anekdote, die der "Ex libris"-Redakteur bereits von einer anderen Autorin gehört hatte. Von Margaret Atwood. Jess Gibson: "Äh … Das ist meine Mutter" (lacht).

Eine Episode, die auch aus einer ihrer zwölf Erzählungen stammen könnte. In diesen Erzählungen kommt die Wahrheit oft nur zufällig ans Licht. Schein und Sein, Lug und Trug ziehen sich leitmotivisch durch dieses raffinierte Debüt. Situationen werden falsch eingeschätzt - auch von den Leserinnen und Lesern. Möglichst früh möchte man herausfinden, wo der Scheint trügt, wo der Kipppunkt ist, wenngleich keine klaren Antworten folgen.

Mitunter unheimlich und übernatürlich

Pilze, Ratten, Hellseher oder ein Talisman - mitunter wird das unheimlich und übernatürlich. Durchzogen von schwarzem Humor und Ironie zeichnet Jess Gibson in wenigen Sätzen unvergessliche Porträts ihrer Figuren.

In der Titelgebenden Erzählung soll eine Kunstexpertin an der Côte d’Azur bei einem Paar den Wert ihrer Gemäldesammlung schätzen. Sie erkennt, dass es sich um Fälschungen handelt, behält dieses Wissen aber für sich und ahnt bald, dass auch sie betrogen wurde. Jess Gibson hat ihre Doktorarbeit über deutsche Kunst geschrieben und in den USA Kunstgeschichte unterrichtet. Schon in ihrem Studium habe sie sich beim Betrachten von Gemälden gefragt, ob das, was sie da sehe, wahr sei oder ob ihr Wahrheit nur vorgegaukelt werde.

Was die Kunstexpertin in dieser Erzählung bemerkt, gilt für die Autorin Jess Gibson und die Übersetzerin Eva Bonne: "Es war natürlich mein Job, trotzdem scherzte ich, ich hätte eben ein gutes Gespür und ein Auge für Details."

Service

Jess Gibson, "Ein gutes Gespür", aus dem Amerikanischen von Eva Bonné, Penguin

Gestaltung

  • Zita Bereuter

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