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Du holde Kunst
Gedichte über die fließenden Grenzen der Wirklichkeit
„Vielleicht war ich nie da …“
11. September 2026, 14:53
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Du holde Kunst | 13 09 2026
Weniges wird schon so lang, gründlich, kontroversiell und letztlich ergebnisoffen durchdacht und diskutiert wie der Begriff der Wirklichkeit. Ist sie eine Ansammlung von Tatsachen, die mit der menschlichen Wahrnehmung nichts zu tun hat, also ein objektives Gegenüber, oder wird sie von den geistigen Voraussetzungen ebendieser Wahrnehmung erst geschaffen? Wie verhält sich Möglichkeit zu Wirklichkeit? Gehört die Vergangenheit, die ja nicht mehr erlebt werden kann, in Form von Erinnerung auch zur Wirklichkeit?
„Erzählt wird im Irrealis, das Präteritum starb.“
In Ursula Krechels Gedicht Gier nach Gegenwart heißt es, „erzählt wird im Irrealis, das Präteritum starb“. In der Welt der Klicks und im Kampf um die „anwesend Abwesenden“ passt sich die Grammatik einer Wirklichkeit an, die nur noch aus einem prekären Jetzt besteht. Ganz im Gegensatz zu Der Nachfahr von Kito Lorenc: Hier wird ein Haus geschleift, wodurch die Zeiten einander geisterhaft durchdringen. Inwieweit gehört also Vergangenheit zur Wirklichkeit? Die vergangenen Minuten wird man, ohne nachzudenken, zur Wirklichkeit zählen, aber die vergangenen 50 Jahre? Wo liegt die Grenze, an der sich die Vergangenheit von der Wirklichkeit ablöst? Vielleicht geht es dabei aber weniger um die Zeit als um die Wirkung eines Geschehens, also um den Punkt, an dem ein äußeres Geschehen zu einem inneren wird. Von der Auflösung der äußeren Wirklichkeit im Einschlafen und ihrem Übergang in eine innere spricht Hertha Kräftners Abendgedicht; hier wird der Traum zum Anker, „Nur an ihm hängt jetzt die Welt“. In Franz Hohlers Gedicht Woher kommen die Träume? weiß der Traum mehr als der Träumende. Das Bewusstsein ist nicht alleiniger Herr über die Wirklichkeit.
„und dann bilde ich mir ein.“
Was ist der Unterschied zwischen Inbild - im Sinne eines Bildes, das im Inneren entstanden ist - und Einbildung? Abgesehen von der unterschiedlichen Bewertung vielleicht jener, dass bei der Einbildung mehr Mutwilligkeit im Spiel ist. Das Einbilden ist, zumindest dem Wort nach, ein aktiver Akt. Kann das Eingebildete also ein Dasein führen? Bei Herta Müller ja, wenn auch ein kurzes; eines ihrer titellosen Collagen-Gedichte beginnt ganz offen mit „und dann bilde ich mir ein“ und endet mit einem weißen Hasen, der „stirbt wie zwei“.
„vielleicht muss Zeit vergehen / bis ich noch einmal werde, der ich war“.
Die Menschen versuchen schon immer die Grenzen ihrer Wirklichkeit zu erweitern. Sie tun dies, indem sie diese systematisch beforschen, aber auch, indem sie sich selbst Rauschzuständen und Grenzerfahrungen aussetzen. Alfred Andersch weist den Sohn in dem Gedicht Brauchbarer Ersatz auf die halluzinogene Kraft einer ephemeren Naturerscheinung hin. Man muss nur das Gegebene genau genug betrachten - und schon gewinnt man neue Wirklichkeit. Dass man sie auch verlieren kann, davon spricht das Gedicht Alexius von Daniela Danz. Wer bei diesem Namen an den seltsamen Heiligen denkt, der jahrelang unerkannt als Bettler unter der Treppe seines Elternhauses lebt, liegt nicht ganz falsch. Auch hier geht es um eine Heimkehr, bei der es allerdings kein Ankern am Vertrauten mehr gibt. Die Gegenstände des Hauses gehören dem Heimkehrer nicht an, sind mit sich selbst beschäftigt, die Zeit hat ihn zum Fremden gemacht, ihn sogar so weit in die Ferne gerückt, dass die Menschen durch ihn hindurchgehen. Paradox erscheint der Schlusssatz des Gedichts „vielleicht muss Zeit vergehen / bis ich noch einmal werde, der ich war“. Noch mehr Zeit, noch mehr Ferne? Wenn doch nichts zuverlässiger Wirklichkeit herstellt als Nähe!
