ORF/INES MITTERER
Diagonal
Franz von Assisi - Der Popstar unter den Heiligen
800 Jahre tot und trotzdem der Heilige der Stunde: Wann, wenn nicht jetzt, braucht die Welt einen attraktiven Heiligen, der sich aufrichtig für die Wertschätzung der Natur, für soziale Gerechtigkeit, Frieden und Gewaltlosigkeit einsetzt und zwar kompromisslos? Franz von Assisi inspiriert bis heute, Gläubige, Nicht-Gläubige und bekennende Atheisten.
25. September 2026, 16:33
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Diagonal | SA | 26 09 2026
Bereits 1228, zwei Jahre nach seinem Tod aberwitzig schnell heiliggesprochen, wurde Francesco, der ursprünglich reiche Tuchhändlersohn, der sich bald in die "Braut" Armut verliebte, zum massenhaft verehrten Helden - früh dargestellt auf Giotto di Bondones Fresken in der Basilika von Assisi, einer Art Riesen-Comic-Strip, der unser Bild von dem Heiligen geprägt hat. Später erweiterten dann alle großen Namen der Kunstgeschichte das Bildrepertoire.
Seine Heimatstadt Assisi, die ihrem Heiligen mithilfe des Papstes auch atemberaubend schnell eine prächtige Basilika gebaut hatte, ist eine Pilgerstätte, die seit dem 13. Jahrhundert von Millionen von Menschen besucht wird. Derzeit sind es an die fünf Millionen jährlich, Tendenz steigend, immer mehr kommen auch über den Franziskusweg zu Fuß. Besonders voll und lebendig geht es in Assisi und den anderen umbrischen Stätten seines Wirkens rund um den 4. Oktober zu, dem Todestag des Heiligen, der sich heuer zum 800. Mal jährt.
An Giottos Fresken in der Basilika von Assisi und ihrer losen Abfolge von Szenen aus dem Leben des Franz orientiert sich auch Romeo Castellucci, der heuer in Salzburg mit seiner Inszenierung von Messiaens Oper "Saint Francoise d‘ Assise" nach dem Menschen hinter der kitschigen Verklärung des Nationalheiligen der Italiener und Schutzpatrons aller Tiere sucht. Er zeigt ihn "erdig", wie er erzählt und liefert keine lineare Hagiographie, stattdessen Szenen eines ungewöhnlichen Lebens, das sich auch 800 Jahre später noch aktuell lesen lässt.
"Saint Francois d'Assise", Szenenausschnitt: Philippe Sly (Saint François), Ensemble
SALZBURGER FESTSPIELE/MONIKA RITTERSHAUS
Eine neue Zeit kündigte sich an, im 13. Jahrhundert: Franziskus erlebte die ersten Manifestationen des beginnenden Kapitalismus, der fortschreitenden Globalisierung, der Organisation der Arbeit in Stunden, angeregt von den Klöstern und angezeigt von den ersten öffentlichen mechanischen Uhren auf den Kirchtürmen. Und er lebt radikal dagegen: arm, friedvoll, und gern tanzend und singend, als "Gaukler Gottes", wie er sich selbst nannte.
Franziskus soll gerne gesungen und getanzt haben - jedes Jahr rund um seinen Jahrestag, den 4. Oktober, erinnert man eindrücklich daran.
Gabriele Finaldi, Direktor der Londoner National Gallery, der vor drei Jahren eine vielbeachtete Ausstellung zu Franziskus kuratierte, bringt es auf den Punkt: Kein Künstler könne diesen Heiligen je vollständig erfassen, und genau diese Vielschichtigkeit mache ihn über die Jahrhunderte so unendlich wandelbar für die Kunst. Jede Epoche griff sich ihren eigenen Franziskus heraus - mal den Naturmystiker, der mit Vögeln und Wölfen sprach, mal den sozialen Rebellen, der sich radikal auf die Seite der Armen stellte, ohne die Reichen deshalb zu verdammen. Schon Dante bewunderte ihn und würdigte ihn in seiner Divina Commedia, was Franziskus in Italien bis heute zu einer festen Größe des kulturellen Gedächtnisses macht, weit über seine Rolle als Landespatron hinaus.
Ob gläubig oder nicht, ob Tierfreund, Umweltaktivist oder politischer Idealist - mit dem Heiligen Franz von Assisi kann sich jede Generation neu befragen, wie sie selbst zu Besitz, Ehrgeiz, Macht, Anerkennung und den Ärmsten der Gesellschaft steht.
