Fußball-Fans feiern in Sarajevo auf der Straße, WM 2026

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Bosnien-Herzegowina: Fußball als Hoffnung

Kriegsverherrlichung und ethnischer Hass prägen die Stimmung in den Fußballstadien in Bosnien-Herzegowina. Bei der WM 2026 jubelten Kroaten, Serben und Bosniaken aber gemeinsam für ihre Nationalmannschaft. War das ein Weg zur Versöhnung - oder nur ein flüchtiger Sommertraum?

Ausgerechnet Esmir Bajraktarević. Als der 21-Jährige den entscheidenden Elfmeter trifft, ist es fast Mitternacht im Stadion von Zenica. Kaum jemand hat damit gerechnet, dass der Underdog Bosnien den vierfachen Weltmeister Italien besiegt. Die Fans sind erst fassungslos, dann flippen sie völlig aus. An diesem 31. März freuen sich die Menschen im ganzen Land über die Qualifikation für die Fußballweltmeisterschaft 2026 in den USA, Kanada und Mexiko.

„Ich werde Srebrenica niemals vergessen. Es ist ein Teil von mir.“

Die Fans feiern ihre Nationalmannschaft kurz vor der WM in Sarajevo.

Die Fans feiern ihre Nationalmannschaft kurz vor der WM in Sarajevo.

STEPHAN WABL

In den Straßen der Hauptstadt Sarajevo singen 120.000 Menschen I am from Bosnia, take me to America – den Hit der Band Dubioza Kolektiv. Die Hymne Bosnien-Herzegowinas spielt beim Feiern keine Rolle. Diese hat nämlich keinen Text. Die drei Ethnien im Land können sich seit Jahren nicht auf eine Version einigen. Anders die Nationalmannschaft: Hier sind Bosniaken, Kroaten und Serben gemeinsam erfolgreich. Das gibt Hoffnung.

Als Esmir Bajraktarević nach seinem Elfmeter im Stadion zu den Fans läuft, zieht er sich sein Trikot aus, hält es in die Luft und zeigt allen seinen Namen. Dieser wird für immer mit dem „Wunder von Zenica“ verbunden sein. Der Name Bajraktarević steht aber auch für ein anderes historisches Ereignis: den Genozid von Srebrenica. „Meine Eltern haben in Srebrenica viele Verwandte verloren“, sagt der 21-Jährige über seine Familiengeschichte: „Ich werde Srebrenica niemals vergessen. Es ist ein Teil von mir.“

„Tötet die Serben“.

Im Juli 1995 ermordeten bosnisch-serbische Soldaten im Ort Srebrenica mehr als 8.000 muslimische Männer und Burschen. Darunter zwei Onkel und einen Großvater des Fußballers. Vor allem im serbischen Landesteil wird der Genozid bis heute verharmlost und Ratko Mladić, der verantwortliche Militärchef, gefeiert. Das zeigt sich in der Stadt Banja Luka, wo Fans seinen Namen im Stadion singen. Anhänger der Fußballklubs aus Sarajevo rufen als Reaktion darauf „Tötet die Serben“. In der kroatisch geprägten Stadt Mostar wiederum besingen Fußballfans ihr „Heimatland Kroatien“. Als hätte der Krieg nie geendet.

Spielen Klubs aus Sarajevo, Mostar und Banja Luka gegeneinander, wird die Spaltung im Land für 90 Minuten sichtbar. Und Politiker:innen nützen die aufgeheizte Stimmung in den Stadien für ihre Zwecke aus. „Die kroatischen, serbischen und bosniakischen Nationalisten halten zusammen. Alle benutzen die gleiche Hasssprache und stecken ihr Territorium ab“, sagt die Politikforscherin Tanja Topić.

„Die aggressive Rhetorik der Politik vermittelt immer wieder, dass das Zusammenleben nicht möglich sei.“

Vor allem serbische und kroatische Politiker:innen im Land spielen immer wieder mit dem Szenario, Gebiete aus dem Gesamtstaat Bosnien-Herzegowina abspalten zu wollen. „Die aggressive Rhetorik der Politik vermittelt immer wieder, dass das Zusammenleben nicht möglich sei“, so Topić. Die Konsequenz? Politische Blockade, wirtschaftliche Stagnation und tägliche Frustration. Seit dem Kriegsende haben eine Million Menschen das Land verlassen.

Der WM-Erfolg der Nationalmannschaft bringt die Menschen aber zusammen. Nationalistische Politiker:innen bleiben stumm. Die Menschen im Land haben Zuversicht, die Konflikte rücken in den Hintergrund. Zumindest einen Sommer lang.

Text: Anja Stegmaier und Stephan Wabl