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Medienkompetenz als Schlüsselfrage unserer Zeit
Die Kunst des Zweifelns
Wie arbeiten Medien, was ist eine saubere Recherche, wie darf ich mich im Netz verhalten und welchen Quellen kann man trauen? In Zeiten Künstlicher Intelligenz und allgegenwärtiger Chatbots, die vermeintlich alles wissen, wird Medienkompetenz auf den Kopf gestellt.
1. Oktober 2026, 18:55
Wer nichts weiß, muss alles glauben. Das Motto der Wissenschaftskabarettgruppe "Science Busters" passt perfekt zu einer der großen Herausforderungen unserer Mediengesellschaft: Wie unterscheiden wir eigentlich zwischen Information, Meinung und Desinformation? Bei der Veranstaltung "The Future of Fact-Checking" der Austria Presse Agentur hat Science-Busters-Gründungsmitglied Martin Puntigam diese Woche die Keynote, also die Eröffnungsrede, gehalten. Puntigam weiß aus jahrelanger Erfahrung, wie schwer es Fakten hierzulande manchmal haben. "Es ist fast erschreckend, wie viele Menschen der Meinung sind, Wissenschaft ist zwar irgendwas, was es irgendwo gibt, aber mit ihrem Leben hätte es nichts zu tun. Und auch die Wissenschaft soll sich vor allem nach dem richten, was die Mehrheit meint. So als ob Wissenschaft eine Meinung wäre und nicht Stand der Dinge", so Puntigam.
Wie gut erkennen wir Desinformation?
Im Kampf gegen Desinformation wird genau das zum ernsthaften Problem. Im Rahmen der Studie "Digital Skills Austria" wurde gerade erst untersucht, wie gut Menschen Informationen einordnen können. Rund 2.300 Menschen in Österreich bekamen jeweils sieben richtige oder falsche beziehungsweise irreführende Aussagen vorgelegt. Im Schnitt wurden etwa vier von sieben Aussagen richtig eingeordnet.
Einer der Autoren der Studie ist der Kommunikationswissenschafter Dimitri Prandner von der Johannes Kepler Universität Linz. Zentral für das Abschneiden bei der Studie war der Faktor: "Wie sehr vertraue ich in Gesellschaft und gesellschaftliche Institutionen? Da geht es um Politik, da geht es um Journalismus, da geht es um Wissenschaft."
Junge nicht automatisch medienkompetenter
Die Daten zeigen außerdem: Junge Menschen sind beim Erkennen von Desinformation nicht automatisch besser als ältere. Digitale Erfahrung allein macht also noch keine Medienkompetenz. Junge Menschen wachsen zwar mit dem Internet und den Plattformen auf. "Aber dort stehen Inhalte von Journalisten und Journalistinnen neben denen von Influencern, neben denen von politischen Akteurinnen und Akteuren. Das ist im Prinzip ein breiter Mischmasch, wenn man es so ausdrücken will, an Information. Und man muss da mal unterscheiden: Wer macht was und warum eigentlich? Jungen Personen fällt es teilweise schwerer als Älteren, hier die korrekte Einordnung zu machen", sagt Prandner.
KI als neue Herausforderung
Hinzu kommt Künstliche Intelligenz, die die Medienkompetenz vor neue Herausforderungen stellt. Auch der Umgang mit Chatbots, die auf nahezu jede Frage eine Antwort liefern, müsse erst gelernt werden, sagt Manuela Grünangerl von der Universität Salzburg bei der APA-Veranstaltung. "Wir verlieren unsere Fähigkeit zum kritischen Denken, je mehr wir auslagern. Einfach weil es ja nicht notwendig ist und weil wir uns denken, so geht es schneller, so geht es einfacher."
Künstliche Intelligenz produziert Texte, Bilder und Videos, die immer schwerer von echten Inhalten zu unterscheiden sind. Gleichzeitig entscheiden Algorithmen, welche Informationen wir überhaupt zu sehen bekommen. Medienkompetenz muss deshalb heute auch bedeuten, KI-generierte Inhalte und Plattformlogiken einschätzen und kritisch hinterfragen zu können. Man spricht dabei auch von "AI Literacy".
Verbieten oder den Umgang lernen?
Doch wie sollen Kinder und Jugendliche den richtigen Umgang mit diesen Plattformen lernen? Die österreichische Bundesregierung will den Zugang zu bestimmten Social-Media-Plattformen für unter 14-Jährige beschränken. Ein entsprechender Gesetzesentwurf liegt vor. Auch auf EU-Ebene werden neue Altersgrenzen diskutiert.
Florian Schmidt, Leiter des Faktencheck-Teams der APA, wünscht sich, dass Jugendlichen trotzdem beigebracht wird, wie sie mit Social Media und den Informationen dort umgehen können. Schmidt schlägt ein Trainingsprogramm vor. Wer dieses absolviert, könnte beispielsweise früher Social Media benutzen dürfen. "Es wäre doch genial, wenn man für Medienkompetenz eine Lizenz bekommt", sagt Schmidt.
Medien müssen ihre Arbeit erklären
Doch Medienkompetenz ist auch eine Aufgabe der Medien selbst. Dimitri Prandner hat für die Public-Value-Abteilung des ORF untersucht, welche Rolle der öffentlich-rechtliche Rundfunk dabei spielen kann. Seine These: Medienkompetenz muss nicht nur unterrichtet werden. Sie soll auch durch guten Journalismus selbst vermittelt werden. "Es geht um Fehlerkultur, es geht um das Aufzeigen, wie man arbeitet", so Prandner. Und es müsse Programmangebote geben, die das Thema Medienkompetenz aufgreifen.
Wie der ORF Medienkompetenz vermitteln will
Der ORF hat seine Bemühungen in diesem Bereich zuletzt deutlich ausgebaut. Neben "#doublecheck" gibt es etwa das "ZIB Magazin Media". Und auch der YouTube-Kanal "ZIB erklärt" gibt regelmäßig Einblicke hinter die Kulissen, wie Prandner in seiner Studie untersucht hat.
An Angeboten mangelt es also nicht – Luft nach oben gibt es freilich immer. Prandners Studie sieht die Herausforderung vielmehr darin, diese Initiativen stärker miteinander zu verbinden und für das Publikum sichtbar zu machen. "Es fehlt halt noch das gemeinsame verbindende Glied, wo auch für Zuschauer, Rezipienten und Rezipientinnen sichtbar wird, wie das Ganze zusammenhängt." Prandner spricht von einem "Hub" oder einer gemeinsamen Plattform, auf der alle Medienkompetenz-Inhalte gebündelt werden könnten.
Falschinformationen erkennen, bevor sie wirken
Seit zwei Jahren gibt es im ORF-Newsroom außerdem die Verifikationsabteilung "DeFacto". Das dreiköpfige Team produziert Beiträge über Desinformation und Medienkompetenz und unterstützt auch andere ORF-Redaktionen bei Verifikationsfragen. Dabei analysiert das Team etwa Metadaten, sucht nach früheren Veröffentlichungen von Bildern und prüft mögliche KI-Manipulationen – vor allem aber recherchiert es journalistisch, wann, wo und in welchem Zusammenhang eine Aufnahme entstanden ist.
Das braucht Zeit - während sich Falschinformationen oft innerhalb weniger Minuten verbreiten. Deshalb versucht DeFacto nicht nur, falsche Behauptungen im Nachhinein zu korrigieren. Beim sogenannten "Pre-Bunking" sollen Menschen Manipulationsmethoden erkennen, bevor sie darauf hereinfallen. "Wir versuchen Leute dafür zu wappnen, dass sie gar nicht erst auf Falschinformationen reinfallen", erklärt Eva Wackenreuther von DeFacto.
Lehrkräfte als Multiplikatoren
Der ORF bietet auch Workshops für Schülerinnen und Schüler sowie für Lehrkräfte an. Sie sollen praktische Werkzeuge bekommen, um Falschinformationen zu erkennen und das Wissen weiterzugeben."Es gibt gerade in Schulen einen wahnsinnigen Bedarf nach Medienkompetenz. Wir können den eigentlich gar nicht decken. Wir können nicht jedem einzelnen Schüler persönlich vermitteln, wie unsere Arbeit abläuft. Und da sind Lehrerinnen und Lehrer einfach als Multiplikatorinnen und Multiplikatoren total wertvoll", sagt Wackenreuther. Diese Angebote sollen nun auch stärker außerhalb Wiens stattfinden. In den kommenden Monaten sind Workshops unter anderem in Vorarlberg und der Steiermark geplant.
Das eigene Bauchgefühl trainieren
Bei all den technischen Möglichkeiten bleibt am Ende eine ziemlich menschliche Fähigkeit entscheidend, findet Eva Wackenreuther: überhaupt zu bemerken, wann Zweifel angebracht sind. "Die wichtigste Kompetenz, die ich an mir selber üben kann, ist im Prinzip, meinem Bauchgefühl mehr Beachtung zu schenken und das ein Stück weit zu trainieren."
