KI-generiert: Roboter interviewt einen Fußball

ORF

Fußball-"Ligaportal" und "Inforadio"

KI interviewt und präsentiert News

Kann ein Inforadio, das nur über DAB+ empfangen werden kann und rund um die Uhr von KI-Stimmen präsentiert wird, ein Geschäft sein? Ja das geht. Florian Novak, Radiomacher und Gründer von JETZT.at, beweist es. Und auch Sportberichte auf dem "Ligaportal" rechnen sich: Eine KI namens Valentina "interviewt" nach Unterliga-Fußballspielen Trainer. Die machen gern mit, und die User nehmen das journalistisch fragwürdige Angebot gern an.

Vorerst verraten sich die KI-Stimmen nur selbst, indem sie Pausen machen, wo sie nicht hingehören, und Eigennamen falsch aussprechen. Aber bald werde man die KI auf dem Sender - so wie es der AI Act der Europäischen Union seit August verlangt - auch kennzeichnen, verspricht Inforadio-Gründer und Betreiber Florian Novak. "Wir versuchen derzeit noch den passenden Modus zu finden, weil wir wollen natürlich auch nicht nerven dabei. Aber dort, wo KI im Einsatz ist, gibt es von uns einen Hinweis."

Novaks KI-Radio ist seit zweieinhalb Jahren über DAB+ empfangbar, das hat jedes neuere Auto eingebaut. Und sein Inforadio kann wie andere Privatradios auch auf der ORF Sound Plattform gestreamt werden. Warum findet sich dort kein Hinweis auf KI? Harald Kräuter, Technischer Direktor des ORF: "Wir können nicht die gesamten Inhalte screenen. Wir können die Radios nicht von vorne bis hinten dauernd durchhören." Der AI Act sehe vor, dass der Betreiber dafür sorgen müsse, entsprechend zu kennzeichnen, wenn KI-generierte Inhalte verwendet werden. Kräuter: "Wir sind bereits im Gespräch mit dem Herrn Novak und haben ihn auf diesen Umstand hingewiesen. Ich gehe davon aus, dass das geklärt wird."

Florian Novak

Florian Novak

APA-IMAGES/APA/LUKAS WODICKA

Sechsstelliger Umsatz mit Sprechmaschinen

Florian Novak hat viel zu tun. Seit einem Jahr betreibt er auch das Online-Medium JETZT, die Leute dort machen das genaue Gegenteil von seinem "Inforadio". Sie schreiben ihre Texte nicht nur, sondern lesen sie auch selbst. Das Audio-Angebot komme gut an, sagt Novak. Die Mehrheit der Mitglieder höre die Beiträge mittlerweile, statt sie zu lesen. Der eine oder andere JETZT-Beitrag laufe auch auf dem "Inforadio", so Novak. Dabei ist das ein komplett anderes Geschäftsmodell, es würde ohne die KI schlicht nicht funktionieren. "Wir machen damit einen sechsstelligen Umsatz im unteren Bereich. Das kann ich schon auch bestätigen. Aber wir sind nicht siebenstellig. Sobald eine Manpower dahinter wäre, könnten wir es, solange es nur über DAB+ läuft, nicht finanzieren."

Mit dem kommerziellen Erfolg habe man nicht gerechnet: 40.000 Hörerinnen und Hörer laut Radiotest, in Wien ein Prozent Marktanteil. Da ist man bei dem Kuchen, den der Werbevermarkter der Privatradios - die Radio Marketing Service GmbH, kurz RMS, verteilt - schon ganz gut dabei.

APA-Content und "von Menschen ausgewählt"

Was Novak wichtig ist: Die Auswahl der Nachrichten aus verschiedenen Ressorts, die in Schleifen von verschiedenen KI-Stimmen gelesen werden, die erfolge durch Menschen. Es ist Content der Austria Presse Agentur, das wird dort bestätigt. Mehr war nicht zu erfahren. Novak betont: "Es passiert keine Auswahl durch die KI. Es wird ein Feed übernommen, der aber auch dahinter - und da haben wir uns versichert - vom Menschen ausgewählt wird." Hört man ins Programm hinein, dann könnten einem Zweifel kommen. Vieles, was die KI so ausspielt, wirkt erratisch. Manches auch kurios, wenn etwa in dem bundesweiten Programm ein dänischer Kinderfilm über einen Troll auf das Ausführlichste besprochen wird.

"Valentina" als Herrin über 1200 Fußballspiele

Auch auf dem "Ligaportal" - Motto "Reinklicken ist wie Mitkicken" - läuft ein KI-Experiment in Echtzeit. Geschäftsführer Thomas Arnitz hat für die Redaktion deshalb digitale Unterstützung geholt, eine KI ruft nach den Spielen Unterhaus-Trainer an und interviewt sie am Telefon. " Es gibt in Österreich 1200 Fußballspiele und es war bis dato de facto unmöglich, von allen Spielen einen Spielbericht zu erstellen. Und die Voice KI hilft uns damit jetzt." Es sei nicht die Absicht, Mitarbeiter zu entlassen, sondern deutlich mehr Berichte - vier, fünf Mal so viele - zu publizieren.

Die KI sei erfolgreich im Einsatz, sagt Arnitz. Er hat sie Valentina genannt, und es ist nicht zufällig eine Frauenstimme: "Wir haben die Valentina ganz bewusst personifiziert, weil ich wollte, dass die Trainer, wenn sie angerufen werden, auch ein Foto, ein Bild im Kopf haben von der Dame, mit der sie telefonieren. Und ich könnte mir durchaus vorstellen, dass Trainer in direkten Kontakt mit einer weiblichen Stimme durchaus kooperativer sind, insbesondere im Unterhaus, wie mit einer männlichen."

Fragwürdiges Rollenverständnis bei KI-Einsatz

Was natürlich die Frage nach dem Rollenverständnis aufwirft und wie weit hier Klischees strapaziert werden. Man kenne das von Alexa und Siri, sagt Wiebke Loosen vom Leibniz-Institut für Medienforschung in Hamburg. Loosen sieht ein Muster: "Der Kölner "Express" beispielsweise macht das ähnlich. Die kennzeichnen ihre KI-Beiträge mit Klara Indernach, also KI, die Abkürzung für diesen Namen. Sie haben auf ihrer Seite auch so ein Stockfoto einer jungen Frau."

Von Interview oder Reportage, also Journalismus, könne in puncto Valentina ohnehin nicht gesprochen werden, so die Medienforscherin. "Das scheint mir doch ein ziemlicher Shift zu sein von dem, was im Journalistischen unter einem Interview verstanden wird, aber auch was unter Reportage, Dabeisein und so weiter verstanden wird."

Die journalistische Qualität steht im Abseits

René Maier-Prieler hat diese Geschichte für #doublecheck recherchiert, er sieht es - zugespitzt - ähnlich: Bisher hätten Journalisten direkt vom Fußballplatz berichtet und vor Ort Trainer interviewt, jetzt rufe dort die KI an. "Wenn man auf einen Fußballplatz in den unteren Ligen geht, findet man dort nicht selten auch einen Menschen, der für "Ligaportal" dort den Liveticker betreut. Mit dem Schritt, dass man jetzt eine KI Interviews führen lässt, was bisher Menschen gemacht haben, stellt sich schon die Frage, ob dann auch die journalistische Qualität eingehalten wird."

In einem Punkt wird das besonders augenfällig. Zwei Fragen aus dem Repertoire der KI lauten so: "Was hat bei Ihrer Mannschaft heute richtig gut funktioniert?" Und: "Wie haben Sie die Leistung des Gegners gesehen?" Eine zweite Meinung, also die vom Trainer der anderen Mannschaft, wird nicht eingeholt. Das passt für den "Ligaportal"-Geschäftsführer. "Die Telefonate dauern teilweise acht bis zwölf Minuten. Ich bin selbst erstaunt, wie lange die Trainer mit der KI - mit unserer Valentina - telefonieren. Und das Spiel ist eigentlich so gut aufgearbeitet, dass ich der Meinung bin, dass teilweise eine zweite Meinung hier gar nicht mehr notwendig wäre, um die Qualität des Artikels zu erhöhen."

Einen Trainer hören genügt für Spielbericht

René Maier-Prieler von "ORF de facto" hält hier dagegen - auch wenn es insgesamt schon die Bemühung gebe, Korrekturen zu ermöglichen. "Es gibt einen menschlichen Kontrollschritt, der angerufene Trainer kann das Gesagte korrigieren. Danach liest ein echter Mitarbeiter vor der Veröffentlichung noch einmal drüber. Das große Aber: Die Perspektive der gegnerischen Mannschaft wird nicht standardmäßig eingeholt, obwohl sie das Spiel ganz anders erlebt haben könnte."

Der eine Trainer darf also das Interview sozusagen autorisieren - während der andere erst gar nicht nach seinen Wahrnehmungen gefragt wird.