Im Gespräch

"Ich schreibe Geschichten mit einem Geheimnis". Michael Kerbler spricht mit Martin Suter, schweizerischer Schriftsteller

Eine der acht Sparten der ayurvedischen Medizin heißt Vajikaranam. Das bedeutet so viel wie Aphrodisiakum. Der Koch, dem der Schriftsteller Martin Suter in seinem jüngsten Roman Gestalt und Leben gibt, heißt Maravan, ist tamilischer Asylwerber und arbeitet in einem Zürcher Sternelokal als Hilfskraft. Der Koch - so betitelte Suter übrigens auch diesen Roman - ist von seiner Großtante in die Geheimnisse der aphrodisischen Küche eingeweiht worden. Als er im Gourmettempel den Job verliert, beginnt er für Paare, die eine Sexualtherapeutin vermittelt, Liebesmenüs - Love food - zuzubereiten, mit fatalen Folgen.

Auf die Frage, warum ausgerechnet ein Tamile zur Hauptfigur wurde, verweist Suter auf das Faktum, dass in der Schweiz die meisten Küchenhilfen tamilische Asylwerber sind, die wie Underdogs behandelt werden. Das interessiert die Gäste dieser Restaurants allerdings nicht. Politiker, Manager und Banker gehören dazu, jenes Publikum, dessen Status-Fixiertheit und Bonigeilheit Martin Suter schon vor Jahren in seiner "Business Class"-Kolumne einer Schweizer Zeitung mit bitterer Ironie vorgeführt hat.

"Wie kommt es", fragt Suter, "dass das wichtigste Produkt vieler Unternehmen heute deren Gewinn ist?" Und fügt hinzu: "Was ist geschehen, dass für Vorstandspositionen nicht mehr gilt: wer gut ist, verdient viel. Sondern: wer viel verdient ist gut." Seine kritischen Wortmeldungen in der Debatte zum Volksentscheid der Schweiz zum Minarettverbot und zum Waffenexport - Suter sprach sich für einen Stopp der Rüstungsausfuhr, zugleich aber gegen ein Bauverbot von Minaretten aus - verhallte ungehört. Ob das sein Vorhaben, seinen Dauerwohnsitz wieder in die Schweiz zurückzuverlegen, zu Fall bringt, wird sich weisen.

Michael Kerbler sprach am 8. Februar im Wiener Akademietheater mit Martin Suter über die Schweizer Identität, die Zürcher Business-Class und die Lust am Kochen.

Service

Buch-Tipps
Martin Suter, "Der Koch", Roman, Diogenes Verlag, Zürich (ISBN 9783257861938)

Alfred A. Häsler, "Das Boot ist voll" - die Schweiz und die Flüchtlinge 1933 - 1945, Diogenes Verlag Zürich (ISBN 9783257216998)

Friedrich Dürrenmatt, "Meine Schweiz", Lesebuch, Diogenes Verlag, 1998 (ISBN 3257230060)

Jürgen Altwegg, "Ach, du liebe Schweiz" - Essays zur Lage der Nation, Nagel und Kimche Verlag, Zürich 2002 (ISBN-10 3312002915 + ISBN-13 9783312002917)

Klara Obermüller (Hrg.), "Wir sind eigenartig, ohne Zweifel - die kritischen Texte von Schweizer Schriftstellern über ihr Land, bei Nagel & Kimche im Carl Hanser Verlag, München (ISBN 3312003172)

Viktor Parma, "Machtgier" - wer die Schweiz wirklich regiert, bei Nagel & Kimche im Carl Hanser Verlag, München (ISBN 9783312003990).

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Giulias Verschwinden oe1.ORF.at

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