Gedanken für den Tag

"Arbeiter-Bilder" von Johanna Schwanberg

Johanna Schwanberg ist Kunstkritikerin und Universitätsassistentin für Kunstwissenschaft und Ästhetik in Wien und Linz.

Arbeit und Erschöpfung:
Es herrscht Dunkelheit. Nur ein spärliches Licht gibt den Blick auf zwei Personen frei. In einer Korbwiege schläft friedlich ein pausbäckiges Kleinkind. Auf einem schlichten Holzboden liegt mit ausgestreckten Armen und geschlossenen Augen eine Frau. Die Stellung im Bild ist sehr ungewöhnlich, denn die Dargestellte scheint den Betrachtern mit dem Kopf voraus direkt entgegen zu fallen. Auffällig sind auch die verstreuten Gegenstände, offenbar hatte hier niemand mehr Zeit aufzuräumen.
"Erschöpfte Kraft" nennt sich dieses bemerkenswerte Bild aus dem Wiener Belvedere. Gemalt hat es 1854 der Rebell des österreichischen Biedermeiers, Ferdinand Georg Waldmüller. Die Forschung hat immer wieder gerätselt, was es mit diesem Ölgemälde auf sich hat. Ist die junge Frau etwa tot oder ist sie nur, wie der Titel suggeriert, vor Erschöpfung am Boden eingeschlafen?

Mich beschäftigt dieses geheimnisvolle Werk schon seit langem. Die Lichtführung und die Malweise sind außergewöhnlich. Aber natürlich, es hat auch mit dem Inhalt zu tun, dass einem dieses Bild so nahe geht. Der Kontrast zwischen dem entspannten Kindergesicht und den erschöpften Zügen der Frau laden auch heute - im Zeitalter, in dem Burnout zum Modewort schlechthin wurde - zur Identifikation ein. Besonders Frauen, die in ihrem Beruf sehr eingespannt und zugleich in Haushalt und Kindererziehung aktiv sind, lässt es sicher nicht kalt.

Eigentlich handelt es sich bei der "Erschöpften Kraft" um ein Bild der Arbeit, auch wenn darauf überhaupt kein arbeitender Mensch zu sehen ist. Anhand anderer Gemälde wie dem "Hufschmied" sieht man, dass Waldmüller einer der ersten Künstler Österreichs war, der ähnlich wie die Franzosen Courbet oder Millet, Handwerker und alltägliche Arbeiten zu kunstwürdigen Motiven erklärte. Auf dem hier beschriebenen Bild sind lediglich die Spuren der harten Arbeit, die Folgen von Mehrfachbelastung, zu sehen. Alles andere male ich mir beim Betrachten des Bildes selbst aus. Genau das finde ich so spannend an bildender Kunst. Sie kann etwas ansprechen, indem sie es zeigt. Aber auch, indem sie es nicht zeigt.

Service

Wenn Sie diese Sendereihe kostenfrei als Podcast abonnieren möchten, kopieren Sie diesen Link (XML) in Ihren Podcatcher. Für iTunes verwenden Sie bitte diesen Link (iTunes).

Sendereihe