Gedanken für den Tag
"Ich bin mir selbst gestohlen" - Zum 250. Geburtstag des Schriftstellers Johann Peter Hebel von Cornelius Hell
11. Mai 2010, 06:57
Der Literaturkritiker Cornelius Hell spricht über die noch immer gültigen Gedanken des Dichters, Theologen und Pädagogen.
Zu seinen Bewunderern zählten Goethe, Gottfried Keller, Leo N. Tolstoi und auch die Gebrüder Grimm. Am 10. Mai dieses Jahres würde er 250 Jahre alt werden. Johann Peter Hebel gilt als der bedeutendste alemannische Mundartdichter der Vergangenheit, der mit seinen Mundartgedichten und den sogenannten Kalendergeschichten bekannt geworden ist. Der Dichter und Lehrer hatte Theologie studiert, war als Subdiakon und später als Hofdiakon in Karlsruhe tätig und wurde schließlich als Prälat der erste geistliche Leiter der 1821 neu gebildeten Evangelischen Landeskirche in Baden.
Ein Büblein klagte seiner Mutter: "Der Vater hat mir eine Ohrfeige gegeben." Der Vater aber kam dazu und sagte: "Lügst du wieder? Willst du noch eine?"
So lautet die kürzeste der Kalendergeschichten, die der Schriftsteller und protestantische Kirchenmann Johann Peter Hebel geschrieben hat. Zwei Sätze genügen, dass sich der prügelnde Vater als Lügner verrät: "Lügst du wieder? Willst du noch eine?" An die 200 Jahre ist diese Geschichte alt, und wenig hat sich seither geändert: Noch immer werden misshandelte Kinder nachträglich auch noch zu Lügnern gestempelt.
Hebel hat auch selbst Prügel bekommen. Doch nicht von seinem Vater, denn der war gestorben, bevor er ihn hätte prügeln können: Ein Jahr war der kleine Hans Peter, als sein Vater und seine erst fünf Wochen alte Schwester 1761 in Basel einer Epidemie zum Opfer fielen. Die Schläge bekam Hebel von seinem Lehrer; der habe ihm "viel Herzeleid" angetan, schrieb später ein Freund. Doch Hebel verteidigte den Lehrer und auch die Schläge. Vielleicht weil er ja gar keine andere Wahl hatte. Dieser Lehrer war seine wichtigste Vaterfigur, ihm verdankte er wesentlich, dass er überhaupt eine höhere Bildung bekam. Und seiner Mutter, die wollte, dass er protestantischer Pfarrer wird. Zum einen, weil sie fromm war, zum anderen, weil Theologie das klassische Studium für arme Aufsteiger war. Die Mutter stand in den Diensten einer vornehmen Familie in Basel und der Sohn musste gelegentlich im Bergwerk arbeiten; da war er noch keine zwölf Jahre alt, und keine 14, als die Mutter plötzlich starb. Er hatte niemanden mehr und war lange auf Förderer angewiesen.
Nach mühsamen Berufsanfängen als schlecht bezahlter Lehrer machte er in Karlsruhe eine steile Karriere. Allzu bieder und angepasst erschien er manchen. Nur seine Geschichten sind voller Abgründe. Und die geprügelten Kinder hat er darin nicht vergessen. Einem schlagenden Vater schreibt er ins Stammbuch: "Recht ist gut beweisen. Aber für das Unrecht braucht man schon Ohrfeigen und Drohungen zum Beweistum."
Service
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Johann Peter Hebel: "Die Kalendergeschichten. Sämtliche Erzählungen aus dem Rheinländischen Hausfreund", Herausgeber: Schlaffer, Hannelore u. Zils, Harald, dtv Taschenbücher Bd.13861, Dünndruck. München, 2010
Johann Peter Hebel: "Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes", Hrsg. v. Werner Weber, Manesse Bibliothek der Weltliteratur.
Heide Helwig, Johann Peter Hebel: "Biographie", Carl Hanser Verlag, München, 2010
Bernhard Viel: "Johann Peter Hebel oder Das Glück der Vergänglichkeit. Eine Biographie", Verlag C. H. Beck, München, 2010
