Gedanken für den Tag

"Über die Weisheit des Siddharta Gautama, genannt der Buddha" von Ursula Lyon

Ursula Lyon ist langjährige buddhistische Yoga- und Meditationslehrerin. Ihre geistige Ausrichtung erhielt sie von westlichen und östlichen Dhammalehrern. Von der Ehrwürdigen Ayya Khema, deren Schülerin sie zwölf Jahre lang war, wurde sie schon früh zum Lehren autorisiert und gilt heute als Grande Dame des deutschsprachigen Buddhismus.

Menschen mit guten Fähigkeiten und bestem Bemühen tun viel Wertvolles für sich und andere. Aber wenn sie den Perfektheitsanspruch an sich stellen, lässt sie die Idee, nie gut genug zu sein, nicht zur Ruhe kommen. Perfektheitsjäger bleiben trotz bester Erfolge unzufrieden, unerfüllt und werden vom eigenen Anspruch gequält. Was gegen diese Art der Ich-Sucht hilft, ist Einsicht in die Unvollkommenheit der menschlichen Art und der ganzen Natur.

Es hört sich negativ an, ist aber ein Element, welches das Leben in Gang hält. Das Unvollkommene gibt der Entwicklung Ansporn und Raum; Perfektion ist nicht lebendig und macht unerbittlich. Sie fordert Schuldgefühle geradezu heraus. Wir können glücklich sein, uns als Unfertige zum Vollkommenen hin zu entwickeln. Wenn wir uns lebendig fühlen, sind wir im Stadium der Entwicklung, das mag körperlich, seelisch oder geistig sein.

Jedes Kleinkind hat den Drang sich zu entwickeln, es will mit aller Kraft stehen, gehen und sprechen lernen. Jeder Entwicklungsschritt macht Freude und gibt ein gutes Selbstwertgefühl. Das Unvollkommene im eigenen Leben kann man als bedrohlich empfinden oder als eine Aufforderung, etwas daraus zu machen. Schwächen und Fehler zu akzeptieren, sie zu erkennen und daran zu arbeiten, ist lebendiges Wachsen. Darin liegt ein großer Selbst-Wert.

Wenn wir die täglichen Anforderungen möglichst gut erledigen, ohne ständig an das perfekte Resultat in der Zukunft zu denken, fühlen wir uns wohl. In der Gegenwart bei sich selbst zu bleiben, gibt dem Selbstgefühl mehr Freiheit und schützt vor bedrückendem Stress.

Eine der wichtigsten Übungen auf dem buddhistischen Weg ist die Achtsamkeit im Hier und Jetzt. Es geht darum, den Moment des gegenwärtigen Lebens, der unwiederbringlich ist, mit allen Sinnen zu erfahren. Das Leben fühlt sich dann echt an.

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