Gedanken für den Tag
"Zum 150. Geburtstag von Gustav Mahler" von Wolfgang Treitler
7. Juli 2010, 06:57
Wolfgang Treitler ist Fudamentaltheologe an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien.
Trauermarsch und Auferstehung
Im Jahr 1942 hat Leonard Bernstein seine erste Symphonie geschrieben, Jeremiah - also über den Propheten Jeremia. 1942, in den dunkelsten Jahren des jüdischen Volkes überhaupt, nimmt Bernstein Jeremias Klage auf. Später, in den 1960er Jahren, hat Bernstein eine Renaissance Gustav Mahlers eingeleitet und dessen Symphonien interpretiert - die Musik eines Komponisten, der heute vor genau 150 Jahren im böhmischen Kalischt jüdischen Eltern geboren wurde. Von 1897-1907 war er Operndirektor in Wien. 1905 trat er angesichts des stark aufkommenden Antisemitismus zum Christentum über. Doch für Bernstein erlosch damit nichts an Dramatik und Tiefe der Musik Mahlers. Mehr als zwanzig Jahre nach seiner ersten Symphonie Jeremiah sagt Bernstein über Mahler: "Jetzt, nach den Katastrophen des 20. Jahrhunderts, sind wir bereit, Mahler zu verstehen."
Mahlers Musik reißt Abgründe auf; mit ihren tragischen Tönen und Untertönen weist sie auf Unsagbares, auf Finsternisse. In Mahlers eigenem Lebensdrama war ja auch einiges vom Drama der Juden zugegen, auch wenn er das bewusst nicht eingearbeitet hat; es wird viel hörbar von ihrer Trauer, von ihren Untergängen, von ihrem Fremdsein, von ihrer Aussonderung.
Aber Mahler komponierte dann doch gegen die Verzweiflung. Wenn man den 4. Satz seiner zweiten Symphonie hört, dann hört man auch, wie er das macht: Gegen die Tragödien wird kein gewaltiger Schlag gesetzt; nach der Tragik kommt etwas Leises nach, etwas Leises und Zartes, Langsames, etwas, das Zeit hat, etwas, dem Zeit gegeben ist, trotz allem. Etwas, das die Menschen ans Ewige erinnern kann, an den Ewigen Israels. Gustav Mahler hat ewige Musik gemacht, ähnlich dem, wie Jerusalem ewige Stadt ist: Beide kommen von weit her - Mahler aus 150 Jahren, Jerusalem aus 3000 Jahren. Und beide weisen weit hinaus - ins heilige Geheimnis, das größer ist als noch die traurigste Wirklichkeit.
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