Gedanken für den Tag
"Gastfreundlich sein wie Abraham und Sara" von Josef Schultes
31. Juli 2010, 06:57
Josef Schultes ist katholischer Theologe und Religionspädagoge.
Abraham und Sara: Viele Geschichten ranken sich um diese beiden Gestalten. "JHWH erschien Abraham bei den Eichen von Mamre, zur Mittagshitze am Zelteingang". So beginnt eine der bekanntesten Erzählungen aus dem ersten Buch der Bibel, "Genesis". Sie handelt von der typisch orientalischen Gastfreundschaft der "Stamm-Eltern" drei Männern gegenüber. Es ist eine Story von Gastfreundschaft und ihren Nachwehen: Im hebräischen Original wird den kinderlosen Senioren ein Sohn verheißen. In der orthodoxen Ikonen-Kunst leuchtet hier schon die Dreifaltigkeit auf. Und im Islam wird Abraham zum Propheten Ibrahim, hoch verehrt in seinem angeblichen Geburtsort Urfa. Wo auch Christen zum Mittagsgebet in der Moschee eingeladen sind, von einem gastfreundlichen Imam ...
Gestaltung: Alexandra Mantler
Abraham, der Hundertjährige, und die unfruchtbare Sara, die mit neunzig noch ein Kind bekommt! Die Frau mir gegenüber schüttelt den Kopf, als sie es mir erzählt. Drei Männer verwandeln sich in Gott, und der kann - ich höre noch den Herrn Pfarrer reden - jedes Wunder wirken. Damals habe ich die Bibel wie ein Protokoll verstanden und naiv wörtlich genommen, seufzt sie.
Siebzig Seiten "Zu Gast bei Abraham und Sara", sage ich anerkennend, deine Diplomarbeit ist dir sehr gut gelungen - gratuliere! Ich freu mich, dass sie endlich fertig geworden ist, sagt sie erleichtert, mein Mann und meine Kinder auch. Wir sitzen zur Nachbesprechung in der Mensa der Religionspädagogischen Akademie Wien-Strebersdorf. Was ist dir an deiner Arbeit aufgegangen, frage ich sie, was siehst du jetzt mit anderen Augen?
Da sind zunächst die Augen meines Verstandes, antwortet sie. Es war für mich beim Schreiben dieser Diplomarbeit ein Aha-Erlebnis zu entdecken, wozu der Weg Abrahams und Saras dient, sagt sie. Als Vorbild für jenen Weg, den Israel im Lauf mehrerer Jahrhunderte durchwandert hat. Eine Art Selbstreflexion nach dem Burn-Out, nach dem Exil in Babylon. Und genau nach Babel und dem Turmbau, da stehen sie, die Familiengeschichten der Erzeltern, mit Happy-End!
Aber auch die Augen meines Herzens sind weit aufgegangen, sagt sie lebhaft. Seit damals, als wir mit dir auf Studienreise in Israel waren. Von Beerscheba aus sind wir tief in den Negev gefahren, im Maktesh Ramon haben wir übernachtet. Da hab ich mich verliebt, in die Wüste, in den Himmel, in Abraham und Sara!
Ab September unterrichte ich endlich, setzt sie froh unser Gespräch fort. Und über meinem Religionszimmer wird stehen: "Zu Gast bei Abraham und Sara". Ein Fest der Religionen soll es in meinem Klassenzimmer geben, farbenfroh wie der Regenbogen!
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