Gedanken für den Tag
"Gedanken zum muslimischen Fastenmonat Ramadan" von Gerhard Tucek
13. August 2010, 06:57
Fasten, Diäten und "richtige Ernährung" werden in medizinischen Ratgebern ebenso diskutiert, wie in Hochglanzmagazinen und Lifestyle-Sendungen.Offenbar bewegt die Frage des Essen und des freiwilligen Verzichts die Menschen.
Anlässlich des eben beginnenden Fastenmonats Ramadan macht sich der Sufi, Sozialanthropologe und Musiktherapeut Gerhard Tucek Gedanken über die soziale Dimension des Essens, über das Fasten als Form des Genießens und seine reinigenden Aspekte in der muslimischen Tradition.
Wer einmal gefastet hat, weiß um die Herausforderungen der ersten Tage. Nicht nur, dass die eigenen Gewohnheiten auf irritierende Weise durchbrochen sind, es zeigen sich vielfach auch körperliche Auswirkungen: Ein schmerzender Leib, ein dumpfer Kopf, Müdigkeit, Gereiztheit sind in der Regel verlässliche Begleiter durch die ersten Tage. Nach der Erschwernis kommt die Erleichterung. Diese Regel gilt nicht nur für das Fasten, sondern auch für den Lebenszyklus.
Fasten lehrt mich, dass es im Leben unterschiedliche Zyklen gibt. Nach Phasen der Fülle, gibt es jene des Mangels, nach Genuss die Enthaltsamkeit, nach Freude auch den Schmerz. Junus Emre, ein Mystiker im Anatolien des 13. Jahrhunderts hat in einem Gedicht das Wesen des Fastens für mich sehr gut auf den Punkt gebracht:
In der Fülle nicht froh,
an der Lehre nicht traurig,
selig bin ich in meiner Liebe zu Dir.
Oder wie es Maulana Rumi, der Gründer der drehenden Derwische in Konya in der heutigen Türkei zur selben Zeit ausdrückt: "Ein Mensch ohne Fasten gleicht einem Baum ohne Früchten."
Im Fasten gehen Menschen nicht nur durch eine körperliche Reinigung, sondern auch durch einen geistigen Läuterungsprozess. Sie lernen, wie eng diese beiden Aspekte, der Körper und der Geist miteinander verwoben sind. Oft gehen sie mit guten Vorsätzen aus der Fastenzeit hervor und werden in einem Jahr doch wieder feststellen müssen, dass sie nur einen Teil davon ins Leben zu bringen vermochten. Dennoch bin ich voller Zuversicht. Denn im Zentrum steht für mich die immer gleiche Frage: Fühlst du Dich mit dem Leben wie du es führst, verbunden? Oder anders ausgedrückt: Was will ich vom Leben und was will das Leben von mir?
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