Gedanken für den Tag

"Zum 100. Geburtstag von Mutter Teresa" von Gabriele Schuchter

Als "Engel der Armen" wurde Mutter Teresa immer wieder bezeichnet. Vor genau 100 Jahren wurde sie in Mazedonien geboren. Die Ordensfrau und Gründerin der "Missionarinnen der Nächstenliebe" kümmerte sich besonders um Sterbende, Waisen und Kranke in Indien. 1979 erhielt Mutter Teresa für ihre Arbeit den Friedensnobelpreis.

Die Schauspielerin Gabriele Schuchter hat ein halbes Jahr als freiwillige Helferin bei Mutter Teresa in Kalkutta mitgearbeitet und bezeichnet dies als eine prägende Zeit in ihrem Leben.

Angefangen hat es für mich mit einer Burgtheatertournee in Asien: Da war ich zum ersten Mal ganz nahe mit der unbeschreiblich großen Kluft zwischen Reich und Arm, bzw. Wohlhabend und Bitterarm konfrontiert.

Wir Schauspieler wohnten in den prachtvollsten Hotels und wurden von früh bis spät mit den vielfältigsten asiatischen Köstlichkeiten verwöhnt, dafür, dass wir Wienerliederabende gaben und die Dreigroschenoper von Berthold Brecht spielten. Gerade dieses Stück behandelt als zentrales Thema die Ungerechtigkeit unter den Lebensbedingungen der Menschen.

Und dort, im fernen Osten, bekam ich dies beim ersten Schritt auf die Straße ganz unmittelbar zu spüren: Diese Nähe von Überfluss und extremem Mangel. Meine Eindrücke ließen mich nicht mehr los, und so beschloss ich, so bald wie möglich, meinen Beruf eine Zeit lang ruhen zu lassen, um in irgend einer Weise eine Handlung zu setzen gegen diese mir unverständlichen Gegensätze, unter denen so viele Menschen leiden müssen. Ich sehe es als Fügung, dass ich - wieder zurück in Wien - täglich an einer Auslage vorbeikam, aus der - als riesiges Porträtfoto - ein äußerst ausdrucksvolles, von Falten zerfurchtes Gesicht einer Frau schaute. Erst viel später erfuhr ich ihren Namen: Mutter Teresa - so der Ordensname der Frau, die am 26. oder 27. August vor 100 Jahren (ganz genau weiß man das Datum wirklich nicht) in der mazedonischen Stadt Skopje geboren wurde.

Einige Monate danach betrat ich Kalighat, Mutter Teresas Heim für sterbende und verlassene Menschen in Kalkutta. Dort war es vollkommen unbürokratisch möglich, Zeit und Hände zur Verfügung zu stellen, um die Not lindern zu helfen. Nie hab ich diesen Schritt bereut. - Meine erste Aufgabe war, den leblosen Körper einer Frau gerade zu richten. Sie lag verkrümmt da, und war in der Nacht verstorben. Heute noch höre ich die kräftige Stimme der Schwester, die ausgerechnet mir, der Neuen, auftrug: "Straighten her up!"

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