Gedanken für den Tag

"Die Abenteuer des Lobens" - Über Kurt Marti und Marie Luise Kaschnitz. Von Cornelius Hell

Cornelius Hell ist Literaturkritiker und Übersetzer.

Das Leben loben bis in seine Abgründe hinein - ohne blind zu sein für Unrecht und Leid: Der 90-jährige Schweizer Schriftsteller und Pfarrer Kurt Marti und die vor 110 Jahren geborene Marie Luise Kaschnitz haben dafür eine poetische Sprache gefunden. Abseits harmloser Konvention haben sie damit ein Reservoir der Religionen neu zugänglich gemacht: Den Hymnus auf die Schöpfung, das dankbare Lob erfahrener Gnade. Oft ist es ein dissonantes, ein "barfüßig lob" (Kurt Marti). Und eine Anstiftung, nach eigenen Worten für außergewöhnliche Erfahrungen zu suchen. Gestaltung: Alexandra Mantler-Felnhofer

mein stammellob gilt
diesem atemwarmen planeten
seinen launischen winden und wolken
dem dach überm kopf
geliebten menschen am tisch
den tortellini im teller
 
Als Kurt Marti 1987 seinen Gedichtband "Mein barfüßig Lob" veröffentlichte, war die Katastrophe im Atomkraftwerk Tschernobyl gerade ein Jahr vorbei - keine gute Zeit, um Winde und Wolken zu loben, hatten doch gerade sie die Radioaktivität über Europa verbreitet. Kurt Marti stimmt auch nur ein "stammellob" an und dichtet einen "stammelpsalm". Aber geradezu trotzig preist er nicht nur seine alltägliche Welt, sondern auch den "atemwarmen", den so lebendigen wie gefährdeten Planeten Erde.
Am Ende steht freilich eine vorsichtige Zurücknahme des Lob-Gestus:
 
dennoch bibbert
mein barfüßig lob
in kaltluftseen
oder läuft sich
auf asphalt wund
oder stolpert
in fragefallen
 
Einige Seiten später wird das "stammellob" wieder aufgenommen, in einem "stammelpsalm"; darin heißt es: wie rabengekrächze / irrt und ratlos / mein lob. Doch dem folgt im dritten Teil ein vor allem auch sprachlich überraschender Lobgesang:
 
heilig
heilig
wird der
erdenfleck
 
wo ich
stammle
ohne sinn
und zweck
 
fort
geschüh
und
in die knie!
 
Damit die Reime klingen, werden in einem spielerischen Gestus die Schuhe einfach zum "geschüh" - die Schuhe, die ausgezogen werden und so an die Situation mit dem brennenden Dornbusch erinnern, in dem sich Gott dem Mose am Berg Sinai offenbart. Der Schluss des Textes ist von einer seltenen musikalischen Leichtigkeit:
 
Sonne
heiß im
nacken
glüht
 
wasser-
wildnis
rollt
ihr lied
 
leicht
im blut jetzt kreist
lob durch
leib und geist
 
Die Poesie von Kurt Marti ist keine religiöse Welt-Verklärung, aber sie spürt in ihrem anarchischen Grundzug Momente einer Feier des Lebens und eines fragilen Lobes der Welt auf.

Service

Buch, Marie Luise Kaschnitz, Gedichte, ausgewählt von Peter Huchel, Suhrkamp BD. 436
Buch, Marie Luise Kaschnitz, Gedichte, ausgewählt von Elisabeth Borchers, Insel Taschenbuch Nr. 2803
Buch, Christian Büttrich, Norbert Miller (Hg.), Gesammelte Werke, Insel Verlag, antiquarisch
Buch, Kurt Marti, Gott im Diesseits. Versuche zu verstehen, Radius Verlag
Buch, Kurt Marti, Abendland. Gedichte, Luchterhand Verlag, antiquarisch
Buch, Kurt Marti, Mein barfüßig Lob. Gedichte, Luchterhand Verlag, antiquarisch

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