APA/WIENER PHILHARMONIKER/DIETER NAGL
Live aus dem Musikverein
Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker
Mit weiblicher Note. Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniert unter der Leitung von Yannick Nézet-Séguin u. a. mit Werken von Florence Price und Josephine Weinlich
2. Jänner 2026, 09:44
Mut zu Neuerungen, aber bewusstes Aufgreifen großer Traditionsbögen - das hat am Donnerstag das Neujahrskonzert 2026 der Wiener Philharmoniker unter der Führung des jungen kanadischen Dirigenten Yannick Nezet-Seguin gebracht, der erstmals am Pult dieses Formats stand. Nezet-Seguin und die Philharmoniker setzten auf Neuerungen, die bis weit ins 20. Jahrhundert reinführten. Auch zwei Nummern von Komponistinnen standen auf dem Programm. Der Zugabenteil brachte neben einem flammenden Friedensappell und Standing Ovations nach dem "Donauwalzer" auch einen Dirigenten, der den "Radetzky-Marsch" aus dem Mittelgang im Parkett dirigierte.
Mehr dazu in ORF.at - Ein Dirigent taucht ab ins Publikum
Yannick Nézet-Séguin im Gespräch mit Sebastian Fleischer
Dieses legendäre Orchester will einfach jeder dirigieren. Aber ich habe sehr schnell verstanden, dass es bei den Wiener Philharmonikern stark um langfristige Entwicklungen geht. Es geht darum, bedeutungsvolle Beziehungen zu Dirigenten aufzubauen, die ein Leben lang halten. Ich finde das sehr schön. Und doch hätte ich nie gedacht, dass ich die Ehre haben würde, dieses Konzert zu leiten. Ich habe es wie jeder andere auch, als kleines Kind im Fernsehen gesehen, und ich hätte nie zu hoffen gewagt, dass ich einmal da oben stehen würde. Aber jetzt, nach 16 gemeinsamen Jahren, sehe ich es als schönen Meilenstein.
Ich wollte unbedingt ein Konzert, bei dem unterrepräsentierte Stücke, die ich für wahre Juwelen halte, einen großen Platz einnehmen und ein gutes Gleichgewicht zu den bekannten Stücken bilden.
31 Komponisten abseits der Strauss-Dynastie waren bisher im Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker vertreten. Im Vorjahr reihte sich mit Constanze Geiger erstmals eine Komponistin in den Reigen ein. Im diesjährigen Programm folgen Constanze Geiger nun gleich zwei Kommilitoninnen nach, die seinerzeit die Genrekonventionen des 19. Jahrhunderts gebrochen und in einer männlich dominierten Kunstwelt ihren Weg als Komponistinnen und Dirigentinnen mit Engagement, Mut und Willenskraft verfolgt haben: die in Wien tätige Josephine Weinlich und die in Chicago wirkende Florence Price.
Josephine Weinlich (1848 bis 1887) darf wohl ohne Untertreibung als Pionierin angesehen werden, wenn es um die Sichtbarkeit professionellen Musikerinnentums geht. Mit 19 Jahren gründet sie ihr eigenes Orchester - ein Damenorchester wohlgemerkt-, das mit seinem Debüt in der Neuen Dreher’schen Bierhalle in Wien für Aufsehen sorgt. Bald schon folgen weitere Auftritte in den großen Wiener Etablissements und Konzertreisen bis nach St. Petersburg und in die USA. Aus dem anfänglich noch kleiner besetzten Wiener Damen-Orchester wird in zweiter Auflage das Europäische Damenorchester mit Weinlich am Dirigentenpult. Und dieses schafft es 1873 bis in den Großen Wiener Musikvereinssaal.
Yannick Nézet-Séguin am Pult der Wiener Philharmoniker
APA/WIENER PHILHARMONIKER/DIETER NAGL
Wir wollen im zweiten Teil auch unsere Dankbarkeit gegenüber Frauen zum Ausdruck bringen. Sie hatten in der klassischen Musik eine viel größere Bedeutung, als wir ihnen zugestehen wollen, denn es gab so viele, die ihre Karriere aufgrund des gesellschaftlichen Drucks aufgeben mussten. Daneben gab es bahnbrechende Frauen wie Josephine Weinlich und Florence Price.
"Eh nett, aber …"
Hier aber warten die feuilletonistischen Skeptiker bereits begierig. Während vormalige internationale Kritiken durchaus wertschätzend über den Klangkörper und seine Dirigentin Weinlich berichten, weichen die heimischen eher auf das Terrain des "eh nett, aber …" aus. Es sei schon ganz ordentlich, das Orchester; mit den männlichen Kollegen könnten die "weiblichen Amazonen" aber keineswegs verglichen werden.
Vorurteile, mit denen sicherlich auch die um eine Generation jüngere Komponistin Florence Price (1887 bis 1953) konfrontiert war. Sie musste sich nicht nur als komponierende Frau, sondern vor allem als komponierende Afroamerikanerin beweisen. Anders aber als Josephine Weinlich, die wohl keine akademische Ausbildung genossen hatte, war Florence Price universitär ausgebildet und leitete später die Musikabteilung einer Universität. Im Gegensatz zu Weinlich, deren Repertoire fast ausschließlich in der Unterhaltungsmusik verwurzelt war, strebte Florence Price die große Symphonik an. Und das mit Erfolg.
Leichtigkeit ist in der Kunst das Schwierigste.
Große Symphonik - nicht verlegt
1933 ist sie die erste Afroamerikanerin, deren Musik von einem großen US-amerikanischen Orchester - dem Chicago Symphony Orchestra - aufgeführt wird. Sie wird im Radio und im Fernsehen gespielt, erhält Unterstützung von der First Lady Eleanor Roosevelt. Und dennoch werden ihre Werke nicht verlegt - zu groß ist die Sorge der Musikverlage, die Musik einer schwarzen Frau zu veröffentlichen. Das geschieht erst 2009 - mehr als 50 Jahre nach ihrem Tod -, als unzählige Manuskripte und Partituren von Florence Price in deren ehemaligem Landhaus in Illinois auftauchen.
Seit einigen Jahren ist ihre Musik wieder vermehrt im Konzert zu hören und auf Tonträgern verewigt - unter anderem mit dem Philadelphia Orchestra, dessen Chefdirigent Yannick Nézet-Séguin sich für die Verbreitung von Florence Prices Werken und für die Thematisierung der Ungerechtigkeiten, die so vielen (weiblichen) Musikschaffenden widerfahren sind und nach wie vor widerfahren, einsetzt. Dass er für sein Neujahrskonzertdebüt mit den Wiener Philharmonikern diese beiden Komponistinnen mit auf das Programm setzt, ist ein weiterer wichtiger Schritt der Sichtbarmachung weiblicher Kunst.
Wien ist immer noch das Zentrum der klassischen Musik. Aber gerade darum hat es eine enorme Bedeutung, beim Neujahrskonzert das Stück einer Frau zu spielen. Eine Afroamerikanerin, die zu Unrecht viel weniger Bekanntheit erlangt hat, als sie verdient hätte.
Das Team der Ö1 Liveübertragung des Neujahrskonzerts
ORF/KURT REISSNEGGER
Nach dem Konzert ist vor dem Konzert
Nachdem sie mit Yannick Nézet-Séguin bereits heuer einen Debütanten am Pult des Neujahrskonzertes begrüßt haben, setzen die Wiener Philharmoniker diesen Weg auch 2027 fort: Der 49-jährige russische Dirigent Tugan Sochijew wird kommendes Jahr erstmals das größte Klassikevent der Welt dirigieren. Dies gab das Orchester am Donnerstag bekannt.
Der aus Nordossetien stammende Sochijew wurde bereits 2001 zum Musikdirektor der Welsh National Opera ernannt, dem sich 2008 jener beim Orchestre National du Capitole de Toulouse anschloss. Auch Deutschland lockte Sochijew, wo er ab 2012 (bis 2016) den Posten des Chefdirigenten des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin in Nachfolge von Ingo Metzmacher innehatte.
2014 übernahm er die prestigeträchtige Position des Musikdirektors des Bolschoi-Theaters, wo er bis 2022 verblieb, als Sochijew nach dem russischen Angriff auf die Ukraine aus Protest dem Bolschoi Lebewohl sagte. Sochikew stand mittlerweile knapp 50 Mal am Pult der Wiener Philharmoniker.
