Gedanken für den Tag

von Cornelius Hell. "Ich bin ein Mystiker und ich glaube an nichts" - zum 100. Geburtstag des rumänisch-französischen Denkers E. M. Cioran

Cornelius Hell ist Literaturkritiker und Übersetzer.

E. M. Cioran (geboren 1911 in Rasinari bei Hermannstadt, gestorben 1995 in Paris) war ein kompromissloser Selbst-Denker und stellt in seinen Aphorismen und Kurzessays weltanschauliche und religiöse Gewissheiten radikal in Frage. Gleichzeitig hat sich dieser Skeptiker ein Leben lang mit ekstatischen Mystikern, Heiligen und außenseiterischen religiösen Traditionen beschäftigt und formuliert: "Es leuchtet ein, dass Gott eine Lösung war und dass man nie wieder eine ebenso befriedigende finden wird."

Große Formulierungskraft und die Lust an paradoxer Zuspitzung machen Cioran zu einem unvergesslichen Lese-Abenteuer - gerade auch in Sachen Religion. In den persönlichen Begegnungen war der bekennende Menschenfeind und radikale Weltverneiner ein offener Gesprächspartner mit großem Charme.

"Wenn es jemand gibt, der Bach alles verdankt, dann ist es gewiß Gott." Mehr als alles, was ich bei Cioran gelesen habe, hat dieser Satz mit meiner eigenen Lebenserfahrung zu tun. Viele Stunden habe ich in meiner Jugend abends an der Orgel in einen leeren, dunklen Kirchenraum hineingespielt und dabei eine Erfahrung von Fülle gemacht und eine hymnische Dankbarkeit verspürt, die keine Gründe braucht.

Für Cioran, den Sohn eines rumänischen Popen aus Siebenbürgen, war die Orgel vielleicht gerade deswegen ein so grandioses Erlebnis, weil die orthodoxen Kirchen keine Orgelklänge kennen. Jedenfalls ist sein Satz aber auch voller Ironie: "Wenn es jemand gibt, der Bach alles verdankt, dann ist es gewiß Gott" - das heißt natürlich auch: Ohne Bach wäre Gott nichts.

In seinen Arbeitstagebüchern hat Cioran Musik und Mystik als "zwei Dinge, die ungeheuer viel in meinem Leben gezählt haben", bezeichnet. "Ich bin ein Mystiker und ich glaube an nichts." Mehrmals hat sich Cioran mit diesem Satz von Flaubert identifiziert. Cioran hat sich von der Religion früh abgewandt und sie sehr kritisch gesehen. Aber die christlichen Mystiker hat er zeit seines Lebens mit Faszination gelesen. Und er hat, wie er mehrmals andeutet, auch selbst einige Ekstase-Erlebnisse gehabt, die er mit den Erfahrungen der Mystiker vergleicht.

Das hindert ihn freilich nicht, manches Mal geradezu blasphemische Gedanken zu äußern. "Hohnlachen oder beten - alles andere ist nebensächlich." - Auch das ist in seinen Tagebüchern zu lesen.

Bei Cioran habe ich gelernt, dass Blasphemie manchmal geradezu notwendig ist. Sicher nicht, um das religiöse Empfinden auf billige Weise zu verletzen. Wohl aber, um das "religiöse Behagen" zu stören und die Konfektionsware an religiösen Formeln, Riten und Deutungen aufzusprengen. Manchmal hält sie das vitale religiöse Interesse besser aufrecht als eine auf mittlere Temperaturen herabgestufte Rechtgläubigkeit, die jede individuelle Religiosität zu einem geschmacklosen Brei verrührt.

Service

Bücher von E. M. Cioran
E. M. Cioran, Werke. Aus dem Rumänischen von Ferdinand Leopold. Aus dem Französischen von François Bondy, Paul Celan, Verena von der Heyden-Rynsch, Kurt Leonhard und Bernd Mattheus. Suhrkamp Quarto 2085. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2008

Einzelne Werke sind in den Verlagen Suhrkamp und Klett-Cotta erschienen; die "Syllogismen der Bitterkeit" sind derzeit nicht als Einzelausgabe lieferbar.

Nicht in der Werkausgabe enthalten sind folgende Schriften:

E. M. Cioran: Cahiers 1957-1972. Ausgewählt und aus dem Französischen von Verena von der Heyden-Rynsch. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2001

E. M. Cioran: Aufzeichnungen aus Talamanca. Aus dem Französischen und mit einem Nachwort vom Verena von der Heyden-Rynsch. Weissbooks, Frankfurt am Main 2008

E. M. Cioran: Über Frankreich. Aus dem Rumänischen von Ferdinand Leopold. Suhrkamp Verlag, Berlin 2010

E. M. Cioran: Über Deutschland. Aufsätze aus den Jahren 1931-1937. Herausgegeben, aus dem Rumänischen übersetzt und mit einer Nachbemerkung von Ferdinand Leopold. Suhrkamp Verlag, Berlin 2011


Bücher über E. M. Cioran
Cornelius Hell: Skepsis, Mystik und Dualismus. Eine Einführung in das Werk E. M. Ciorans.
Bouvier Verlag, Bonn 1985 (=Studien zur französischen Philosophie des 20. Jahrhunderts, Band 11) Nicht mehr lieferbar

Patrice Bollon: Cioran, der Ketzer. Aus dem Französischen von Ferdinand Leopold. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2006

Silvana Lindner: Mystik des Nihilismus? Auseinandersetzung mit Emil Ciorans Werk aus systematisch-theologischer Perspektive orthodoxer Prägung. Peter Lang Verlag, Frankfurt am Main 2006

Franz Winter: Emil Cioran und die Religionen. Eine interkulturelle Perspektive. Verlag Traugott Bautz, Nordhausen 2007

Bernd Mattheus: Cioran. Portrait eines radikalen Skeptikers. Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2007

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