Gedanken für den Tag
von Rudolf Taschner. "Sechs Fragen zur Gerechtigkeit"
13. August 2011, 06:56
"Was ist denn schon gerecht? Der Ort unserer Geburt? Unsere Herkunft? Unsere Gene, die scheinbar Schicksal spielen? Der Zufall, der uns vor einem Unglück bewahrt, oder uns über Nacht zum Millionär werden lässt?", das fragt Rudolf Taschner, Professor an der Technischen Universität Wien, Betreiber des "math.space"-MuseumsQuartiers und Autor des Buches "Gerechtigkeit siegt - aber nur im Film".
Gerechtigkeit auf dieser Welt gebe es nicht, meinen hoffnungslose Realisten. Doch das eigene Glück hängt nicht unbedingt davon ab, wie groß das Stück vom Kuchen ist, das man selbst abbekommt, hält der Mathematiker Rudolf Taschner dagegen und gibt einige Denkanstöße mit auf den Weg.
Gestaltung: Alexandra Mantler-Felnhofer.
Gerechtigkeit und Gewissen
Jeder Mensch hat seine ihm eigene Welt. Über manches in ihr kann er verfügen. Manchem in ihr ist er ausgeliefert. Zwischen dem, welches unumschränkt verfügbar ist, und dem, welchem man bedingungslos ausgeliefert ist, erstreckt sich eine weite Klaviatur von Zwischentönen.
Ob ich will oder nicht: In jedem Augenblick meines Daseins, das zwischen den Polen des unumschränkt Verfügen-Könnens und des bedingungslos Ausgeliefert-Seins schwebt, bin ich mir meiner Existenz bewusst und gebe mir selbst darüber Rechenschaft. "Bin ich gerecht?", lautet die Frage. Und die Antwort gibt allein das Gewissen.
Zwar kann man keine abstrakten Leitsätze definieren, die mein Gewissen formen. Aber ich weiß: Das Gewissen meldet sich, wenn ich bei all dem, worüber ich verfüge, nicht behutsam bin. Das Gewissen meldet sich, wenn ich bei all dem, welchem ich mich ausgeliefert fühle, nicht gelassen bleibe. Das Gewissen meldet sich, wenn ich jenen, die mein Ich in ein Wir einzuweben erlauben, nicht herzlich begegne.
Doch das Gewissen ist unmodern geworden. Es ist bequemer und klingt wissenschaftlich, sein Ich nicht in einem lebendigen Wir, sondern in einem toten funktionalen Gefüge aufgehen zu lassen, das durch materielle Umstände bestimmt wird. Wer sein Ich für unrettbar verloren hält, für den ist das Gewissen eine pure Einbildung, eine lästige Täuschung, eigentlich eine Form von Krankheit. Oder, wie Adolf Hitler in seinen Tischreden gespottet hat, "eine jüdische Erfindung. Es ist wie die Beschneidung eine Verstümmelung des menschlichen Wesens".
Dann aber wird das Sprechen von Gerechtigkeit zum leeren Gerede.
Service
Buch, Rudolf Taschner, Gerechtigkeit siegt - aber nur im Film, Ecowin Verlag
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Sendereihe
Playlist
Titel: GFT 110813 Gedanken für den Tag / Rudolf Taschner
Länge: 03:49 min
