Gedanken für den Tag

von Konrad Holzer. "Entfremdung oder Annäherung" - Sehnsucht und Mystik in der Literatur

Der deutsche Dichter Martin Walser sprach anlässlich der Präsentation seines neuesten Romans "Muttersohn" darüber, dass Religion und Literatur in den Anfängen eins gewesen seien, sich dann entfremdet hätten, er mit seinem Roman aber hoffe, die beiden wenigstens ein paar Millimeter einander wieder näher zu bringen. Der Publizist Konrad Holzer, Literaturliebhaber und -Experte, geht der Frage nach, wie's die zeitgenössische Dichtung denn überhaupt so mit der Religion hält. Es fällt nämlich auf, dass sich - nach langer Enthaltsamkeit - Autorinnen und Autoren wieder mehr und mehr mit Religiösem auseinandersetzen und zwar auch solche, die sich selbst als areligiös bezeichnen.
Gestaltung: Alexandra Mantler-Felnhofer.

Am Anfang war Literatur ausschließlich Religion. Religion und Literatur waren eins. Gegenstand der Literatur waren die Schöpfungsmythen von Gilgamesch bis zur Genesis. Die Frömmigkeit stand auch an der Wiege der deutschen Sprache, meint Wolfgang Frühwald in seinem Buch "Das Gedächtnis der Frömmigkeit". Doch die Spuren dieser Frömmigkeit wurden im ausgehenden zwanzigsten Jahrhundert immer schwerer zu lesen. Noch in den 40er-, 50er-Jahren, zu der Zeit also, als ich begann, Bücher zu lesen, war die Religion ein vielbeschriebenes Thema: A. J. Cronin und Graham Greene verfassten Bestseller. Ernst Wiechert, Reinhold Schneider oder Heinrich Böll gehörten im deutschen Sprachraum zum einschlägigen Kanon. Irgendwann, wahrscheinlich im Zug der Autoritäten stürzenden 68er-Bewegung verschwand die Religion aus der Literatur. Doch, Frühwald scheint Recht zu behalten, wenn er behauptet, dass in der Geschichte auf Zeiten abflachender Frömmigkeit jeweils Zeiten intensiverer Glaubensanstrengung folgen. So eine Intensivierung findet jetzt, zumindest auf dem Gebiet der Literatur statt. Erstes Beispiel und weitere sollen im Lauf dieser Woche folgen, erstes Beispiel ist Katharina Hacker. Sie erhielt 2006 den Deutschen Literaturpreis und rezensierte dieser Tage in der WELT ein Buch, in dem die handelnden Personen in ihrem Leben befangen sind und nach mehr verlangen. Ihre Rezension aber beginnt sie mit Gott:

"Konnte Gott, als er die Welt schuf, Geschöpfe nicht erschaffen; Konnte er sich mögliche Geschöpfe nicht ausdenken? Wäre seine Schöpfung weniger vielfältig, weniger reich, was dann? Wie die Antwort auch ausfällt, immer berührt sie die Großzügigkeit Gottes. Seine allumfassende Güte muss Geiz ja jedenfalls ausschließen. Die wahrnehmenden Geschöpfe - wir - können immerhin zufrieden sein. Was um uns herum lebt und steht und plappert und zittert und Farben hat, ist mehr als wir fassen."

Service

Buch, Wolfgang Frühwald, Das Gedächtnis der Frömmigkeit, Verlag der Weltreligionen
Buch, Dieter Wellershoff, Der Himmel ist kein Ort, Kiepenheuer & Witsch
Buch, Hanna Orstavik, Die Pastorin, DVA
Buch, Meir Shalev, Aller Anfang, Diogenes
Buch, John Updike, Sucht mein Angesicht, rororo
Buch, John Updike, Die Tränen meines Vaters, Rowohlt
Buch, Julian Barnes, Nichts, was man fürchten müsste, Kiepenheuer & Witsch
Buch, José Saramago, Kain, Hoffmann und Campe
Buch, Martin Walse, Muttersohn, Rowohlt

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Sendereihe

Playlist

Titel: GFT 110926 Gedanken für den Tag / Konrad Holzer
Länge: 03:48 min

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