Gedanken für den Tag

von Konrad Holzer. "Entfremdung oder Annäherung" - Sehnsucht und Mystik in der Literatur

Der deutsche Dichter Martin Walser sprach anlässlich der Präsentation seines neuesten Romans "Muttersohn" darüber, dass Religion und Literatur in den Anfängen eins gewesen seien, sich dann entfremdet hätten, er mit seinem Roman aber hoffe, die beiden wenigstens ein paar Millimeter einander wieder näher zu bringen. Der Publizist Konrad Holzer, Literaturliebhaber und -Experte, geht der Frage nach, wie's die zeitgenössische Dichtung denn überhaupt so mit der Religion hält. Es fällt nämlich auf, dass sich - nach langer Enthaltsamkeit - Autorinnen und Autoren wieder mehr und mehr mit Religiösem auseinandersetzen und zwar auch solche, die sich selbst als areligiös bezeichnen.
Gestaltung: Alexandra Mantler-Felnhofer.

Heute ist der Vorabend zum jüdischen Neujahrsfest. Rosh haschana bedeutet "Anfang des Jahres". Und weil in dieser Woche ja die Rede davon ist, dass Literatur und Religion in unseren Tagen einander wieder zusammen zu kommen scheinen, so ist kein Buch besser geeignet als "Aller Anfang" von Meir Shalev. Darin ist die Rede von den ersten Malen in der Bibel. Shalev ist einer der bekanntesten israelischen Autoren - und Atheist.  Als solcher  hält er es für unverzeihlich, die Bibel einzig und allein den Religiösen zu überlassen. Er dringt ins biblische Geschehen ein, macht die handelnden Personen lebendig. Er hinterfragt ihr Tun und Wirken, leistet sich sehr oft ironische Randbemerkungen und geht auch mit Gott nicht gerade zimperlich um. Er sucht nach dem ersten Weinen, das von einer verlassenen Frau kommt, nach dem ersten Spion, der in der Bibel natürlich Kundschafter heißt, nach dem ersten Propheten und dem einzigen Lachen. Aber zuallererst geht es um die erste Liebe, die Liebe eines Vaters zu seinem Sohn, die Liebe Abrahams zu Isaak: "Nimm Deinen Sohn, Deinen einzigen, den Du liebst."

Das Erstaunliche daran ist für Shalev, dass weder der biblische Schriftsteller, noch Abraham von Liebe reden, sondern Gott persönlich spricht davon. Gott nimmt hier seinen schönen Brauch aus den Tagen der Schöpfung wieder auf - das Geben von Namen. Das ist auch gut und nützlich für all diejenigen, die sich seit eh und je fragen: "Was ist Liebe?" Bei der ersten Liebe zwischen Mann und Frau ist auch Isaak dabei: der nämlich  gewann Rebekka lieb. "Dieses 'gewann sie lieb' ist im Hebräischen ein einziges Wort, das Gefühl, Zeit, Mann und Frau einzuschließen vermag."

Service

Buch, Wolfgang Frühwald, Das Gedächtnis der Frömmigkeit, Verlag der Weltreligionen
Buch, Dieter Wellershoff, Der Himmel ist kein Ort, Kiepenheuer & Witsch
Buch, Hanna Orstavik, Die Pastorin, DVA
Buch, Meir Shalev, Aller Anfang, Diogenes
Buch, John Updike, Sucht mein Angesicht, rororo
Buch, John Updike, Die Tränen meines Vaters, Rowohlt
Buch, Julian Barnes, Nichts, was man fürchten müsste, Kiepenheuer & Witsch
Buch, José Saramago, Kain, Hoffmann und Campe
Buch, Martin Walse, Muttersohn, Rowohlt

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