Gedanken für den Tag

von Michael Chalupka. "Die Welt ist nicht die Welt nur eines Menschen". Ein Jahr nach Fukushima. Gestaltung: Alexandra Mantler-Felnhofer

Vor einem Jahr, kurz nach dem Atomunfall in Fukushima, hat Michael Chalupka, der Direktor der evangelischen Hilfsorganisation Diakonie, Japan besucht. In den "Gedanken für den Tag" erzählt er von seinen persönlichen Eindrücken und Erfahrungen, vom Verlust der Unbeschwertheit, von kleinen Zeichen dafür, dass das Leben weitergeht, von Partnerschaften über Länder und Kontinente hinweg, die sich gerade in Krisenzeiten als tragfähig erweisen und von der Einsicht, die ein japanisches Sprichwort beschreibt: "Die Welt ist nicht die Welt nur eines Menschen".

Phillys Buch

Unsere Japanreise war lange geplant. Fünf Jahre Austausch zwischen der Diakonie und unserer Partnerorganisation in Utsonomya sollten gefeiert werden. Nach dem Beben und dem Tsunami vor einem Jahr war alles anders. Aus dem Kindergarten unseres Partners, seiner Schule und seiner Einrichtung für Jugendliche mit Behinderung war ein Zentrum der Katastrophenhilfe geworden. Hilfstransporte in die Evakuierungslager wurden organisiert und Kinder aufgenommen, die in Utsonomya Zuflucht suchten.

Ein Bild hat sich ihm während dieser Zeit eingebrannt, erzählt mir der Leiter der Musikschule, Tatsuo Yamamure, bei meinem Besuch vergangenen August. Ein kleines Mädchen saß verloren vor einem Evakuierungzentrums, als Tatsuo Yamamura mit einigen Helfern wenige Tage nach dem Tsunami dort ankam, um Reis, Decken und Kleider zu bringen, die von österreichischen Spenderinnen finanziert worden waren.

Das Bild des Mädchens, das wohl seine Eltern in den Wassermassen des Tsunami verloren hatte, ging ihm nicht mehr aus dem Kopf. Ihre Mutter und ihr Vater hätten ihr doch noch so viel zu sagen gehabt, noch so viel vorgehabt mit ihr im Leben.

Tatsuo Yamamura hat ein Buch für das Mädchen geschrieben - und damit für alle Kinder, die von der schrecklichen Katastrophe immer noch traumatisiert sind. Es ist ein sanftes Buch. Es erzählt vom Häschen Philly, das mit Erschrecken sieht, wie die Flut eine kleine Glühwürmchenlarve mitreißt. Das Glühwürmchen verschwindet im Geröll eines Baches, sein Leuchten erlischt. Im nächsten Frühjahr führt ihr Vater Philly wieder zum Bach. Da sehen sie, wie das Glühwürmchen seine Flügel streckt, in den Himmel fliegt und sein Licht sich zum Leuchten der Sterne fügt.

Im Nachwort des Kinderbuches, das in den Evakuierungszentren an die Kinder verteilt wurde, schreibt Tatsuo Yamamura: "Wir glauben daran, dass die Opfer der Flut zu Sternen am Nachthimmel werden und über uns wachen."

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Sendereihe

Playlist

Titel: GFT 120316 Gedanken für den Tag / Michael Chalupka
Länge: 03:49 min

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