Gedanken für den Tag

Von Konstanze Fliedl. "Dichte Diagnosen" - Zum 150. Geburtstag Arthur Schnitzlers. Gestaltung: Alexandra Mantler-Felnhofer

Seine Befunde zur Gesellschaft der späten Habsburgermonarchie und der Ersten Republik hat Arthur Schnitzler in einer sehr speziellen Handschrift festgehalten. Hellhörig hat er die Rhetorik von Liebe und Politik aufgezeichnet, die Vermarktung von Körper und Psyche dargestellt. Gegenüber den Lügen im Öffentlichen und im Privaten blieb er bei der Überzeugung von der Verantwortung für das Wort. Darin besteht die Aktualität von Schnitzlers Werk bis heute.

Schnitzlers Ohren
Als Arthur Schnitzler 33 Jahre alt war, begann er unter Ohrengeräuschen zu leiden. Er nannte sie "Gespensterstimmen" und beschrieb sie als ein unerträgliches Zwitschern und Pfeifen. Die quälende Irritation führte zu einer sich allmählich verschlimmernden Schwerhörigkeit. Sie beeinträchtigte Theater- und Konzertbesuche und verstärkte das Gefühl sozialer Isolation, die er mitten im gesellschaftlichen Leben empfand. Im Tagebuch hielt Schnitzler die Verzweiflung darüber fest, nicht einmal mehr seine eigenen Stücke auf der Bühne hören zu können. Seine lebenslange Verehrung für Beethoven enthielt wohl auch ein verborgenes Moment der Identifikation mit dem ertaubten Musiker.
Dabei gibt es in Schnitzlers Werk ein kleines, autobiografisches Motiv, das diese Schallmauer der Einsamkeit durchbricht: dass man die Worte der Geliebten selbst aus großer Entfernung versteht, wenn alles andere unhörbar wird. Im "Weiten Land" spricht eine Nebenfigur ganz beiläufig von diesem akustischen Wunder, die eine und einzige Stimme aus dem Unverständlichen herauszufiltern. Am Ende seines Lebens wurde Schnitzler von diesem beglückenden Hörerlebnis noch einmal eingeholt. In seinen letzten Jahren verband ihn eine sehr innige Beziehung mit seiner französischen Übersetzerin Suzanne Clauser, die aber oft nur durch Briefe und Anrufe erreichbar war. Im Januar 1930 machte Schnitzler dabei von einer neuen Kommunikationsmöglichkeit Gebrauch, der internationalen Telefonverbindung, die er mit ganz untypischer Ergriffenheit beschrieb: "Welch ein Wunder (technisch natürlich) war dieses kurze Fern- und Nahgespräch mit Paris; - ich kann mich auch diesem Wunder gegenüber nicht fassen". Die konzentrierte Hingabe machte die Ohren noch einmal frei: Die geliebte Stimme wurde zum Hörgeschenk.

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Sendereihe

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Titel: GFT 120518 Gedanken für den Tag / Konstanze Fliedl
Länge: 03:49 min

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