Gedanken für den Tag

Von Cornelius Hell. "Manche kommen aus dem Staunen nicht heraus, manche nie hinein" - Zum 80. Geburtstag der Schriftstellerin Elfriede Gerstl. Gestaltung: Alexandra Mantler-Felnhofer

Elfriede Gerstl, die als Kind mit ihrer Mutter vor den Nazis untertauchte und sich "tot oder schon deportiert stellte", hat im Kohlenkeller zu lesen begonnen, wenn die Sonne selten genug durch den kleinen Lichtspalt der Verdunkelung drang und die Nazis nicht mit Bajonetten nach ihr stocherten.

"Alles, was man sagen kann, kann man auch beiläufig sagen." Das ist wahrscheinlich der am meisten zitierte Satz der österreichischen Schriftstellerin Elfriede Gerstl. Ein Satz, der es in sich hat, sagt er doch, dass die großen Worte, die so gerne in feierlichen Reden, in Predigten, aber auch in privaten Erklärungen gemacht werden, völlig unnötig sind. Alles lässt sich auch beiläufig sagen - unangestrengt, knapp und subtil, mit Ironie und wie unabsichtlich - beiläufig eben.

Elfriede Gerstls knappe Gedichte, Dialoge, Traumsequenzen und "Denkkrümel", wie sie selbst manche ihrer Texte nannte, sind für mich eine Schule der Wort-Askese und der Befreiung vom Phrasen-Ballast, der einen gnadenlos hinunterzieht in die konventionelle, abgegriffene, verbrauchte Sprache.

Aber Elfriede Gerstl hat das Beiläufige auch selbst verkörpert. Wenn ich sie in der Wiener Innenstadt gesehen habe - es war immer in einer Seitengasse, denn sie passte nicht in Hauptstraßen, Hauptstraßen waren zu pompös für sie - staunte ich jedes Mal über ihre Grazie, über die scheinbare Leichtigkeit, mit der sie sich bewegte, und die Eleganz ihrer meist beim Trödler gefundenen Kleidung und Accessoires. Ich kannte Elfriede Gerstl nicht gut genug, um sie anzusprechen, aber es war eine stille Freude, sie zu sehen, eine Einübung in Aufmerksamkeit und der Beginn eines besseren Tages. Sie hatte etwas Leichtes an sich, eine Absichtslosigkeit, und zugleich eine wie selbstverständliche Konzentration. Oft kam sie mir vor, als würde sie auf etwas warten - vielleicht auf das, was eines ihrer Gedichte unter dem Titel "überraschungsgast" beschreibt:

das gedicht kommt
wie ein katze
rufen kannst es nicht
folgsam folge seiner gangart
(wer weiss wann es dich
wieder besucht)
ob du`s hirnzauberei nennst
oder spiritueller moment
ein anlass zum staunen

Service

Buch, Elfriede Gerstl, "Neue Wiener Mischung. Gedichte und anderes", Literaturverlag Droschl
Buch, Elfriede Gerstl, "Mein papierener Garten. Gedichte und Denkkrümel", Literaturverlag Droschl
Buch, Elfriede Gerstl, "Lebenszeichen. Gedichte, Träume, Denkkrümel", Literaturverlag Droschl
Buch, Elfriede Gerstl, "Mittellange Minis. Werke Band 1", herausgegeben und mit einem Nachwort von Christa Gürtler und Helga Mitterbauer, Literaturverlag Droschl
Buch, Konstanze Fliedl, Christa Gürtler (Hg.), "Elfriede Gerstl", Literaturverlag Droschl
Buch, Christa Gürtler, Martin Wedl (Hg.), "Elfriede Gerstl. wer ist denn schon zu hause bei sich", Paul Zsolnay Verlag

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