Ö1 Kunstsonntag: Tonspuren

Tonspuren

Invasionen des Privaten. Anna Kim und Grönland. Feature von Judith Brandner

Sie gilt als Shootingstar der österreichischen Literaturszene: die 1977 in Südkorea geborene Anna Kim. Eigentlich heißt sie ja An Na Kim. Das kam so: ihre Mutter, Germanistin, ist eine glühende Thomas Mann Verehrerin - und gab ihrer Tochter den deutschen Vornamen Anna. Als Anna Kim zwei Jahre alt war, übersiedelte die Familie aus beruflichen Gründen des Vaters nach Deutschland. Bei der Einreise transkribierte die Mutter "Anna" aus der koreanischen Silbenschrift als An Na mit Abstand dazwischen ins Deutsche. So wurde es im Pass eingetragen. Später übersiedelte die Familie nach Wien, wo Anna Kim Philosophie und Theaterwissenschaften studierte und zu schreiben begann. 2005 las sie beim Ingeborg Bachmann Preis. Sie hat mehrere Kurzgeschichte, Essays und Gedichte veröffentlicht. Für ihren Roman "Die gefrorene Zeit" erhielt sie 2012 den EU-Literaturpreis, der an besonders erfolgreiche Nachwuchsautoren in Europa vergeben wird.

2012 erschien bei Suhrkamp "Anatomie einer Nacht", über eine unheimliche Anhäufung von Selbstmorden Jugendlicher in Grönland. Die karge, kalte Insel im Norden Europas ist ein Sehnsuchtsland, der Aufenthalt in Grönland wurde für sie zu einer Auseinandersetzung mit der eigenen Identität und dem Fremdsein. "Die gefrorene Zeit" und "Anatomie einer Nacht" gehören zu einer Trilogie rund um Tod und Sterben. Der dritte Teil wird sie - endlich, wie sie sagt - nach Südkorea führen. Die Recherchen führt sie 2013 als Writer in Residence in Seoul durch.

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