Im Gespräch

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"Aufgabe der Literatur ist es Unsichtbares sichtbar zu machen". Michael Kerbler im Gespräch mit Robert Schindel, Schriftsteller und Lyriker

Das Schreiben ist für den Lyriker Robert Schindel eine schwere, eine strapaziöse Arbeit. "Ich bin kein Schnellschreiber", sagt Schindel über Schindel. Und ergänzt mit ironischem Unterton: "Ich gehöre zu den Schriftstellern, die nicht gerne schreiben. Ich bin immer einer, der gern geschrieben hat. Jetzt bin ich froh. Mein neuer Roman ist fertig."

Der Roman, der "fertig" ist, trägt den Titel "Der Kalte" und ist der zweite von dreien. "Gebürtig", erschienen im Jahr 1992, war der erste Roman einer Trilogie, an der Schindel arbeitet. "Der Kalte" führt ins Österreich der "Waldheim-Jahre" zwischen 1985 und 1989. Drei "Kulturkämpfe" toben nebeneinander und sind doch untrennbar miteinander verbunden: der Kampf um einen neuen Bundespräsidenten, der Kampf um ein Antifaschismusdenkmal und der Kulturkampf um das Theater, um "Die Burg". Und inmitten dieser Auseinandersetzungen kämpft ein Einzelner, kämpft gegen das Vergessen und Verdrängen der NS-Zeit: der Spanienveteran und KZ-Überlebende Edmund Fraul. Dieser Edmund Fraul ist das Zentrum aller Bewegung: dem Lager nie entkommen, bis ins Mark kalt, merkt er selbst, dass er Gefühle nicht äußern, nicht einmal spüren kann. Bis er auf seinen ziellosen Wanderungen durch Wien einem ehemaligen KZ-Aufseher begegnet und mit ihm ins Gespräch kommt: über Auschwitz.

In diesem Roman führt Robert Schindel den Leser wieder nach Wien, der "Vergessenshauptstadt", wie er die Stadt nennt. Der Schriftsteller, der der Deportation nach Auschwitz entging, dessen Vater im KZ Dachau ermordet wurde, dessen Mutter die KZs Auschwitz und Ravensbrück überlebt hat und nach Wien zurückkehrte und ihren Sohn Robert wiederfand, "geht in seinen eigenen Fußstapfen". Denn der Roman ist in gewisser Weise ein Schlüsselroman um die Hintergründe der "Waldheim-Affäre", der im Buch "Wais" heißt. Schindels Roman reicht aber weiter. Er thematisiert nicht nur die Aspekte Erinnern und Vergessen, sondern belegt, dass - wenn wir auf das vergangene Jahrhundert bis herauf in die aktuelle Gegenwart blicken - wir uns eingestehen müssen, dass das, was uns immer wieder beschäftigt, die Rückkehr des Verdrängten ist.

Service

Robert Schindel, "Der Kalte", Roman, Suhrkamp Verlag (ISBN 978 3518423554)

Robert Schindel, "Man ist viel zu früh jung", Sammlung von Reden und Essays, Jüdischer Verlag des Suhrkamp Verlags (978633542543)

Robert Schindel, "Zwischen Dir und mir wächst tief das Paradies" - Liebesgedichte mit einem Vorwort von André Heller, schmaler Band, Insel-Bücherei, Frankfurt am Main und Leipzig (ISBN 3458192476)

Robert Schindel, "Mein liebster Feind - Essays, Reden, Miniaturen", Band, edition suhrkamp des Suhrkamp Verlages, Frankfurt am Main (ISBN 3518123599)

Peter Menasse, "Rede an uns", Essay, "edition a", Wien (ISBN 978-3-99001-053-2)

Götz Aly, "Hitlers Volksstaat. Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus", S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main (ISBN 3-10-000420-5)

Aleida Assmann, "Der lange Schatten der Vergangenheit. Erinnerungskultur und Geschichtspolitik", C.H.Beck Verlag, München ( ISBN-10: 3 406 54962 4 und ISBN-13: 978 3 406 54962 5)

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