Radiokolleg - Aberglaube, Amulette und Armee

Der Alltag der Unterschichten im alten Rom (1). Gestaltung: Günter Kaindlstorfer

Fünfzig bis sechzig Millionen Menschen lebten im Römischen Reich des ersten nachchristlichen Jahrhunderts. Nur 0,5 Prozent davon gehörten der bestimmenden Oberschicht an. Über das Leben dieser Oberschicht wissen wir viel, dank der Schriften von Cicero, Seneca, Sallust et al. Anders sieht es mit dem Alltag der unteren Volksklassen aus. Die Quellenlage ist dünn, äußerst dünn. Will die Forschung den Alltag von Tagelöhnern, Handwerkern, Sklaven, Landarbeitern, Soldaten, Gladiatoren, Prostituierten und ihre Familien nachzeichnen, ist sie auf Grabinschriften, Graffiti und Traumbücher sowie auf seltene literarische Zeugnisse angewiesen.

Der Berkeley-Historiker Robert Knapp hat genau diese Art von Quellen ausgewertet. In seinem Buch "Römer im Schatten der Geschichte" zeichnet der renommierte Geschichtswissenschafter den Alltag der römischen Unterschichten im Jahre 100 n. Chr. nach: "65 Prozent der Bevölkerung, Sklaven und Freie, führten eine Existenz "am Rande"", hält Knapp fest: "Sie waren arm. Diese Armen lebten überwiegend von der Hand im Mund, das heißt, sie hatten gerade genug, um satt zu werden, und nur selten genug, um zu sparen, zu investieren und eine Veränderung ihrer Situation herbeizuführen. Ihr gesamtes Interesse war auf ein einziges Ziel gerichtet - das Überleben."
Die Zahl der Sklaven in der römischen Gesellschaft war übrigens keineswegs so hoch wie man vielleicht annehmen möchte. Knapp schätzt ihre Zahl auf etwa 15 Prozent der Gesamtbevölkerung: Sklaven waren teuer, und nur die Wohlhabenden konnten sich Leibeigene leisten, eingesetzt wurden sie vorwiegend in der Hauswirtschaft.

Die Lebenserwartung im Römischen Reich war nach heutigen Begriffen gering: Die Hälfte der Bevölkerung wurde nicht älter als zwanzig; die durchschnittliche Lebenserwartung lag deutlich unter fünfzig. Der Tod war im Leben einer römischen Familie immer gegenwärtig, vor allem auch der hohen Kindersterblichkeit wegen. Kein Wunder, dass der Aberglaube blühte. Amulette galten als wirksamer Zauber gegen Krankheiten und Unglücksschläge aller Art, Horoskope, Wahrsagerei, Traumdeutung und Vogelschau waren selbstverständlicher Bestandteil der römischen Alltagskultur.

Auch Gewalt war alltäglich und normal: die Gewalt des Sklavenhalters über seine Sklaven, die Gewalt des Pater familias über seine Frau und seine Kinder, die unhinterfragt und selbstverständlich misshandelt werden konnten, ohne dass irgendjemand etwas dabei gefunden hätte. "Jeder Aspekt des Lebens im Römischen Reich schloss Gewalt mit ein", notiert Knapp: "Gewalt war normal..."

Ob das Leben im alten Rom und den römischen Provinzen wirklich so gewalttätig war, darüber zerbrechen sich im "Radiokolleg" renommierte Expertinnen und Experten wie Sabine Ladstätter, Jürgen Borchhardt, Sonja Schreiner, Franz Römer und Wilfried Greiner den Kopf.

Service

Robert Knapp, Römer im Schatten der Geschichte - Gladiatoren, Prostituierte, Soldaten, Männer und Frauen im römischen Reich, aus dem Englischen von Ute Spengler, Verlag Klett-Cotta, Stuttgart, 398 Seiten, ISBN: 978-3-608-94703-8

Sabine Ladstätter, Knochen, Steine, Scherben - Abenteuer Archäologie, Residenz-Verlag, St. Pölten, 202 Seiten, ISBN: 978-3-7017-3316-3

Alberto Angela, Ein Tag im alten Rom", aus dem Italienischen von Julia Eisele, Goldmann-Verlag, 416 Seiten, IBSN: 978-3-442-15638-2

Géza Alföldy, Römische Sozialgeschichte, Franz-Steiner-Verlag, Wiesbaden, 400 Seiten, ISBN: 978-3-515-09841-0

Karl-Wilhelm Weeber, Alltag im alten Rom - Das Leben in der Stadt, Albatros-Verlag, 446 Seiten, ISBN: 978-3-538-07623-5

Karl-Wilhelm Weeber, Alltag im alten Rom - Das Landleben, Primus-Verlag, 312 Seiten, ISBN: 978-3-86312-027-6

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