Gedanken für den Tag

Von Hans Schelkshorn, römisch-katholischer Theologe und Philosoph. "Die Revolte und der Sinn für das Heilige" - Zum 100. Geburtstag von Albert Camus. Gestaltung: Alexandra Mantler

Das Absurde als erhellte Vernunft

Albert Camus gilt bis heute als Philosoph des Absurden, eine Zuordnung, die er selbst allerdings stets zurückgewiesen hat. Das Absurde ist für Camus Ausgangspunkt, jedoch nicht Endpunkt des Denkens. Absurd ist nicht einfach "die Welt", sondern, wie Camus betont, unsere Beziehung zur Welt und auch die Beziehung zu uns selbst. Denn unser Verlangen nach Sinn und Klarheit wird von der Welt systematisch enttäuscht. Trotz aller Erkenntnisse der Wissenschaft bleiben viele Fragen offen; und das Universum, das Milliarden Jahre ohne Menschen ausgekommen ist, steht uns fremd gegenüber. Auch wir selbst bleiben uns fremd. "Wenn ich nämlich dieses Ich", so Camus, "dessen ich so sicher bin, zu fassen … versuche, dann zerrinnt es mir wie Wasser zwischen den Fingern." Nicht zuletzt wird auch unsere Sehnsucht nach Glück durch das Wissen um den eigenen Tod durchkreuzt; die Situation des Menschen gleicht, wie Camus mit Pascal betont, einer Todeszelle, aus der wir jederzeit zur Hinrichtung abgeführt werden können.

Das Absurde ist daher nicht Ausdruck eines dunklen pessimistischen Gefühls, sondern die Klarheit einer endlichen Vernunft. Das Absurde ist, wie Camus sagt, "die erhellte Vernunft, die ihre Grenzen feststellt."

Nichts fällt jedoch den Menschen schwerer als die eigenen Grenzen anzuerkennen. Religiöse Menschen "springen" gleichsam in die Unfehlbarkeit einer religiösen Lehre, säkulare Bürger in die Klarheit einer absoluten Vernunft; in beiden Fällen mündet der Sprung über die Grenzen endlicher Vernunft in Fanatismus und Gewalt.

Das Absurde ist daher kein düsteres Gegenprogramm zu einer religiösen Heilslehre, sondern der Ort des Menschlichen, in dem sich sowohl religiöse als auch nicht-religiöse Menschen bewähren müssen. Mit den Worten von Albert Camus: "Ich kann nur sagen, dass der Sprung tatsächlich mein Maß übersteigt … Die Redlichkeit besteht darin, sich an diesem schwindelnden Grat zu halten; alles andere ist Ausflucht."

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Playlist

Komponist/Komponistin: Erik Satie/1866 - 1925
Album: ERIK SATIE: WERKE FÜR KLAVIER - Anne Queffelec
* Nr.1 (00:02:43)
Titel: Pieces froides Nr.1 - Airs a faire fuir / 3 Stücke für Klavier
Solist/Solistin: Anne Queffelec /Klavier
Länge: 02:00 min
Label: Virgin 75929621

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SA | 02 November 2013