Radiokolleg

Radiokolleg - Recht, nicht Rache

50 Jahre Auschwitzprozess (4). Gestaltung: Sabine Nikolay

Am 27. Jänner 1945 erreichten sowjetische Truppen die polnische Stadt Oswiecim. Den russischen Soldaten bot sich ein Anblick unvorstellbaren Leids. Seither hat das Grauen einen Namen: Auschwitz. Wenige Tage zuvor hatte die SS noch 60.000 Menschen auf einen als "Todesmarsch" bekannten gewordenen Marsch nach Westen getrieben, die letzte noch verbliebene Gaskammer wurde gesprengt. Als die Sowjets in das Lager einrückten, fanden sie dort etwa 7.500 Menschen, die dem Tod näher waren als dem Leben. Auschwitz gilt als Synonym für den Holocaust und damit für die planmäßige Ermordung von Millionen Menschen. Insgesamt wurden zwischen Mai 1940 und Jänner 1945 mindestens 1,1 Millionen Juden, 140.000 Polen, 20.000 Sinti und Roma und mehr als 10.000 sowjetische Kriegsgefangene in das Lager deportiert, etwas mehr als 400.000 Häftlinge wurden registriert. Ihnen wurde eine Nummer auf den Arm tätowiert. Alle anderen - über 800.000 Menschen - wurden sofort nach der Ankunft in einem der drei Teillager ermordet, meist durch Gas.

Diese Katastrophe der Menschheit ist menschengemacht. Sie wurde minutiös geplant und jahrelang planmäßig durchgeführt. Nach Ende der Nazidiktatur begann die juristische Aufarbeitung der Gewalttaten. Aufsehen erregten die Nürnberger Prozesse, in denen die Befehlshaber der Nazidiktatur bereits 1946 vor ein alliiertes Gericht gestellt wurden. 1961 folgte der Prozess gegen Adolf Eichmann in Jerusalem. Doch erst 18 Jahre nach der Befreiung des Lagers, 1963, begann der erste Prozess gegen Verantwortliche für die Gräueltaten in Auschwitz, erst zwei Jahrzehnte nach Ende der Naziherrschaft beschäftigten sich Straf- und Zivilgerichte mit jenen, die in Auschwitz Verbrechen an Gefangenen verübten. Zu verdanken war dies den unermüdlichen Vorarbeiten des Staatsanwalts Fritz Bauer, der auf eine Anzeige eines ehemaligen Lagerhäftlings hin den SS-Aufseher Wilhelm Boger wegen Mordes anklagte. Unterstützt wurde Fritz Bauer vom Untersuchungsrichter Heinz Düx, einem der wenigen nicht vorbelasteten Richter in Deutschland. Gemeinsam arbeiteten sie sich durch zehntausende Seiten von Akten, studierten Details unvorstellbarer Gräueltaten, sprachen mit ehemaligen Häftlingen, recherchierten minutiös ob bestimmte Angaben stimmen konnten, fuhren nach Auschwitz um die Angaben mit der Realität zu vergleichen und setzten sich dem Grauen täglich aufs Neue aus. Am 22. Dezember 1963 schließlich wurde der erste Auschwitz-Prozess eröffnet. Wir beleuchten Vorgeschichte, Einzelverfahren, Ausgang und Folgen dieses Gerichtsverfahrens.

Service

Hannah Arendt, "Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen", Piper Verlag

Brigitte Halbmayr, "Zeitlebens konsequent. Hermann Langbein. Eine politische Biographie", Braumüller Verlag

Imre Kertész, "Roman eines Schicksalslosen", rororo-Taschenbuch

Imre Kertész, "Kaddisch für ein nicht geborenes Kind", rororo-Taschenbuch

Hermann Langbein, "Der Auschwitz-Prozeß (sic!). Eine Dokumentation: Bd. 1 + 2", Verlag Neue Kritik

Primo Levi, "Ist das ein Mensch?", dtv-Tachenbuch

Primo Levi, "Die Atempause", dtv--Taschenbuch

Primo Levi, "Das periodische System", dtv-Taschenbuch

Primo Levi, Bericht über Auschwitz, BasisDruck, Reihe Pamphlete

Devin O. Pendas, "Der Auschwitz Prozess. Völkermord vor Gericht", Siedler Verlag

Sybille Steinbacher, "Auschwitz. Geschichte und Nachgeschichte", C.H. Beck, Wissen

Ronen Steinke, "Fritz Bauer oder Auschwitz vor Gericht", Piper Verlag


Wilhelm Rösing, "Der Einzelkämpfer - Richter Heinz Düx", Dokumentarfilm, 2011/ erhältlich auf DVD

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