Salzburger Nachtstudio

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"Der rabiate Rebell." Philosoph der Freiheit und Vordenker der Postmoderne: Zum 200. Todestag von Johann Gottlieb Fichte
Gestaltung: Günter Kaindlstorfer

Radikaler Philosoph des Ich und Apologet der menschlichen Freiheit: Johann Gottlieb Fichte (1762-1814) war einer der einflussreichsten Denker des "Deutschen Idealismus", frenetisch wie kaum jemand im Deutschland seiner Zeit begrüßte er die Französische Revolution. Wenige Jahre später wandelte sich der aus einfachsten Verhältnissen stammende Gelehrte zum fanatischen Gegner Napoelons und zum wortgewaltigen Künder des deutschen Nationalstaats. Dementsprechend konnte sich die liberale Linke des 19. Jahrhunderts ebenso auf Fichte berufen wie die völkische und deutschnationale Rechte des 20. Jahrhunderts - bis hin zum Nationalsozialismus.

Dabei war Johann Gottlieb Fichte ein unruhiger Geist, ein aggressiver Subjektivist und gewitterhafter Polemiker, der mit seinen Gegnern, etwa dem Berliner Aufklärer Friedrich Nicolai, kurzen Prozess machte. Wer Fichtes Zorn hervorrief, hatte sich auf rabiate Attacken gefasst zu machen, wie sich der Rechtsgelehrte Anselm von Feuerbach, ein Zeitgenosse des Philosophen, erinnerte: "Es ist gefährlich, mit Fichte Händel zu bekommen. Er ist ein unbändiges Tier, das keinen Widerstand verträgt und jeden Feind seines Unsinns für einen Feind seiner Person hält."

Ausgehend vom Denken Kants entwickelte Fichte eine radikal idealistische Philosophie, die an der Existenz einer vom Ich unabhängigen Außenwelt zweifelte. Die Realität des Wirklichen ist in Fichtes Gedankenwelt nur in unseren Vorstellungen gegeben, aber eben diese Vorstellungen werden nicht von der Realität konstituiert, wir selbst bringen sie hervor. Ideen wie diese wirken auch im 21. Jahrhundert noch zeitgemäß, erinnern sie doch, um ein Beispiel zu nennen, an die erkenntnistheoretischen Postulate des "Radikalen Konstruktivismus".

Aber nicht nur die Existenz einer vom Ich unabhängigen Außenwelt wird Fichte zweifelhaft, auch das Ich selbst zerrinnt ihm unter den Händen. Das macht ihn, aus heutiger Perspektive, zu einem Vordenker der Postmoderne: "Es ist kein Sein", schreibt Fichte: "Ich selbst weiß überhaupt nicht und bin nicht. Bilder sind: Sie sind das Einzige, was da ist, und sie wissen von sich nach Weise der Bilder; Bilder, die vorüberschweben, ohne dass etwas sei, dem sie vorüberschweben ... Ich selbst bin eins dieser Bilder; ja, ich bin selbst dies nicht, sondern nur ein verworrenes Bild von den Bildern. Alle Realität verwandelt sich in einen wunderbaren Traum, ohne ein Leben, von welchem geträumt wird."

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