Zwischenruf

Zwischenruf

von Landessuperintendent Thomas Hennefeld

Der Countdown läuft. In fünf Tagen werden die 12. Olympischen Winterspiele in der Stadt Sotschi am Schwarzen Meer eröffnet. Ein Ereignis der Superlative soll es werden: Olympische Winterspiele zum ersten Mal in subtropischem Klima mit den modernsten Sportstätten und großartiger Infrastruktur. Es werden wohl die teuersten, größten aber auch die politisch umstrittensten Spiele.

Russland wird von einem Präsidenten mit autokratischen Tendenzen regiert, der sich mit diesen Spielen ein Denkmal setzen will. Es gibt trotz der Freilassung einiger prominenter Häftlinge noch immer Tausende politische Gefangene, und eine massive Diskriminierung und Hetze gegen Homosexuelle. Diese Homophobie ist beängstigend, ja unerträglich.

Mit diesen düsteren Rahmenbedingungen bildet Sotschi aber keine Ausnahme im Vergleich zu anderen Austragungsorten sportlicher Großereignisse: Formel 1 Rennen während der Apartheidzeit in Südafrika, Fußball-Weltmeisterschaften in Brasilien und Argentinien in der Zeit der Militärdiktatur, Olympische Spiele in Peking, in einem Land, in dem ethnische Minderheiten brutal unterdrückt werden.

Aber es geht nicht nur um Menschenrechtsverletzungen und Diktaturen, es geht auch um die Auswirkungen auf die Wohnbevölkerung und die Umwelt. Auch in westlichen Metropolen hat nur eine Minderheit von der Austragung solcher Megaspektakel profitiert. Wo solche Großereignisse geplant werden, schießen Immobilienpreise in die Höhe und die Lebensqualität verschlechtert sich. So gesehen war es ein weiser Entschluss der Wiener Bevölkerung, sich gegen die Bewerbung für Olympische Spiele in Wien auszusprechen.

Gegen die heuer stattfindende Fußballweltmeisterschaft in Brasilien, für die ganze Stadtviertel abgerissen und Tausende Familien zwangsumgesiedelt wurden, gibt es schon seit Jahren Proteste der Bevölkerung. Und im arabischen Emirat Katar, wo die Fußball-WM 2022 ausgetragen werden soll, herrschen grauenhafte Arbeitsbedingungengen an den Baustellen der Stadien.

Bei den sportlichen Wettbewerben in Sotschi wird es Sieger und Verlierer geben, Triumphe und Niederlagen. Das liegt in der Logik der Wettkämpfe. Abseits der Sportstätten sollte das aber nicht der Fall sein.

Ich will mich nicht damit begnügen, den Sport Sport sein zu lassen, den österreichischen Athletinnen und Athleten die Daumen zu drücken und mich über ihre Siege zu freuen. Ich wünsche mir Spiele in einem christlichen Geist. Das bedeutet, Spiele an Orten und in einem Geist auszutragen, in denen Menschen in Freiheit und Würde leben können, Spiele, die tatsächlich zu Frieden und Völkerverständigung beitragen, und wo es nicht nur darum geht, möglichst viel Profit zu machen. Spiele, bei denen Rücksicht genommen wird auf Mensch und Natur. Spiele, für die nicht Menschen weichen müssen und ausgebeutet werden. Und wo nicht ein paar Wenige groß abkassieren und ansonsten verbrannte Erde hinterlassen.

Durch die Bibel zieht sich ein roter Faden, der Gott auf der Seite der Schwachen und Bedrückten sieht. Unrecht und Gier werden schonungslos angeprangert und als Sünde verurteilt.

Im antiken Griechenland gab es auch schon Betrug und Bestechung, aber wenigstens mussten in der Zeit der Olympischen Spiele die Waffen schweigen. Wer sich nicht daran hielt, wurde ausgeschlossen. Das wäre schon etwas: Während der Olympischen Spiele keine Kriegshandlungen weltweit, keine Sieger und Verlierer, und trotzdem nur Gewinner.

Davon sind wir noch weit entfernt. Es wäre aber schon ein kleiner Sieg der Menschlichkeit, wenn aktive Sportlerinnen und Sportler, Politikerinnen und Politiker, die nach Sotschi reisen, Zeichen setzen gegen Tyrannei und Homophobie.

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