Gedanken für den Tag

von Philipp Harnoncourt, Liturgiewissenschafter und Ökumeniker. "Vom Wunder der Sprache". Gestaltung: Alexandra Mantler

Reden und Schweigen

Wenigstens ein Minimum an Licht muss es geben, damit unsere Augen etwas sehen, und dennoch gehört auch die Finsternis in die Welt des Sehens, denn wer kein Licht kennt, kann auch die Finsternis nicht kennen. Ähnlich verhält es sich mit der Stille: nur was wenigstens minimale Laute von sich gibt, ist hörbar, und doch gehört auch die Stille in die Welt des Hörens. Und das - auf die Sprache angewendet - heißt: Schweigen kann man nicht hören, doch es gehört in die Welt der Sprache. Wer schweigt, hat nicht selten mehr zu sagen, als jemand der spricht. Und verräterisch ist das Urteil: Der hat viel geredet, aber nichts gesagt. Und in dieselbe Richtung zielt auch das Sprichwort: Reden ist Silber, Schweigen ist Gold.

Geradezu paradox, und doch vielsagend ist ein Wort des Mystikers Bernhard von Clairvaux: Tibi, Deus, silentium laus! Das heißt: Für dich, o Gott, ist Schweigen Lobpreis!

Das Schweigen hat seinen angestammten Platz in der Welt der Sprache, aber nur in seinem konkreten Kontext kann es interpretiert werden. Wenn es einem versierten Sprecher oder auch einem Dampfplauderer "die Red verschlägt", muss das noch lange kein Beter sein. Wer im Gericht überführt ist, wer öffentlich als Schwindler bloßgestellt ist, kann nur noch schweigen. Doch auch wer von einem großen Kunstwerk berührt wird, oder wer jemals der Herrlichkeit Gottes begegnet ist, oder sein grenzenloses Erbarmen und seine Liebe erfahren hat, wird zunächst verstummen und schweigen, ehe Lobpreis und Dank hervorbrechen.

Solches Schweigen ist die Sprache des Staunens, aber auch das Schweigen muss gelernt und eingeübt werden. Ich weiß das aus eigener Erfahrung, weil ich gerne und viel spreche. Ein Sprechen, das behutsam oder spontan aus dem Schweigen aufsteigt, überzeugt.

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Playlist

Komponist/Komponistin: Georg Friedrich Händel/1685 - 1759
Titel: Konzert für Harfe, Streicher und B.c. in B-Dur op.4 Nr.6
* Andante allegro - 1.Satz (00:04:08)
Solist/Solistin: Lily Laskine /Harfe
Orchester: Orchestre de Chambre Jean - Francois Paillard
Leitung: Jean Francois Paillard
Länge: 02:00 min
Label: Erato ECD55039

Sendereihe

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DO | 30 Jänner 2014