Radiokolleg

Radiokolleg - Die große Transformation

Karl Polanyi über das Ende der Marktgesellschaft (3). Gestaltung: Armin Medosch

Der österreichisch-ungarische Ökonom Karl Polanyi starb vor 50 Jahren, am 23. April 1964. In Wien geboren und in Budapest aufgewachsen, arbeitete er in den 1920er und 30er Jahren für die Wochenzeitschrift Österreichischer Volkswirt als Redakteur. 1933 von den politischen Ereignissen gezwungen ins Ausland zu gehen, lebte er in England, engagierte sich in der Arbeiterbildung und machte die Vorarbeit zu The Great Transformation. Das Buch, fertig gestellt 1944, am Ende des Zweiten Weltkriegs, gilt als eines der wichtigsten Werke der modernen Wirtschaftsgeschichte und politischen Philosophie des 20. Jahrhunderts. Es zeichnet den langen geschichtlichen Bogen nach, und erklärt die Ursachen für das Ende der bürgerlichen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts.

"Wir vertreten die These, dass die Idee eines selbstregulierenden Marktes eine krasse Utopie bedeutet", schrieb Karl Polanyi auf der ersten Seite von The Great Transformation. Polanyi beschrieb darin die "Doppelbewegung": inwiefern die Verselbstständigung des Marktsystems, das im 19. Jahrhundert seinen Höhepunkt erlebte, zugleich die Grundfeste der bürgerlichen Gesellschaft unterwanderte. Der Aufstieg der völlig befreiten Marktwirtschaft rief Gegenbewegungen hervor, da sich die Menschen vor ihren zerstörerischen Wirkungen zu schützen suchten. Diese Gegenbewegungen niederzuschlagen, waren wiederum kostspielige Siege, da sie der Unfreiheit den Weg ebneten. Das System des 19. Jahrhunderts, das 100 Jahre keinen größeren Krieg innerhalb Europas gekannt hatte, fand sein gewalttätiges Ende in den großen Katastrophen des frühen 20. Jahrhunderts - vom Ersten Weltkrieg, über die Weltwirtschaftskrise, dem Aufstieg des Faschismus und dem Zweiten Weltkrieg.

Nach dem Zweiten Weltkrieg erhielt Polanyi einen Lehrauftrag an der Columbia University in New York. Da seine Frau, die polnisch-ungarische Kommunistin und Revolutionärin Ilona Duczynska, in den USA der McCarthy Ära jedoch keine Aufenthaltserlaubnis erhielt, ließen sie sich in Kanada nieder, wo sich auch das Polanyi-Institut und Archiv befindet, geleitet von der Tochter Kari Polanyi Levitt.

Polanyi entwickelte grundsätzliche neue Perspektiven, nicht nur in der Ökonomie sondern auch als Sozialphilosoph, so zum Beispiel indem er zeigte, inwiefern Wirtschaft als in die Gesellschaft eingebettet zu verstehen ist. Von Marx zwar beeinflusst, unterschied er sich von diesem durch seine größere Betonung der individuellen Freiheit, die für Polanyi auf dem selbstgewählten, verantwortungsvollen Handeln der Individuen beruhte. Ein sich verselbstständigender Markt musste notwendigerweise mit diesem Freiheitsideal in Konflikt kommen. Polanyi grenzte sich bewusst von der marktliberalen Österreichischen Schule der Wirtschaftswissenschaften ab. Mit Beginn des Aufstiegs des Neoliberalismus seit den 1980er Jahren und durch die Realität des Finanzkapitalismus, wird Polanyis Werk zu einem immer wichtigeren Wegweiser und Warnsignal in der Gegenwart.

Service

Polanyi, Karl. The Great Transformation: Politische und ökonomische Ursprünge von Gesellschaften und Wirtschaftssystemen. Translated by Heinrich Jelinek. Auflage: 10. Frankfurt (Main): Suhrkamp Verlag, 1973
Levitt, Kari. From the Great Transformation to the Great Financialization: On Karl Polanyi and Other Essays. London; New York: Zed Books, 2013
Polanyi, Karl. Chronik der großen Transformation: Menschliche Freiheit, politische Demokratie und die Auseinandersetzung zwischen Sozialismus und Faschismus. Metropolis-Verlag, 2005
Levitt, Kari, and Kenneth McRobbie. Karl Polanyi in Vienna: The Contemporary Significance of The Great Transformation. Black Rose Books Ltd., 2006
Dale, Gareth. Karl Polanyi: The Limits of the Market. John Wiley & Sons, 2013

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