Gedanken für den Tag

von Andrea Eckert, Schauspielerin. "Wo ist mein Anteil, Herr, am Licht?". Gestaltung: Alexandra Mantler

Gestern Abend hat das jüdische Chanukka- oder auch Lichterfest begonnen. Es dauert vom 17. Dezember bis zum 24. Dezember. Gefeiert wird in dieser Zeit die Wiedereinweihung des zweiten jüdischen Tempels.

Vor einiger Zeit machte ich eine Konzerttournee durch Israel. An einem dieser Abende in Tel Aviv saß in der ersten Reihe eine alte Dame. Als ich Lieder aus ihrer Jugendzeit sang, strahlte ihr Gesicht bis zu mir auf die Bühne. Danach erfuhr ich, dass sie aus Wien stammte, 102 Jahre alt war und Rosi Schindler hieß. Sie hatte als junger Mensch die mörderische Nazizeit überleben können, mit Mühe gelang die Flucht, heute lebt sie in einem israelischen Kibbuz. Und doch, trotz allem Schweren und Dunklen, das sie erleben musste, Rosi Schindler trägt ein Licht in sich, das mich beschämt hat. Zum Abschied umarmte sie mich und sagte leise: "Sag zum Abschied leise Servus..."

Das Folgende ist ein Teil der Erzählung "Etwas Süßes für die schwere Reis'" von Frederic Morton.

"Was bedeutet Wien für mich? Die Frage kam mir nie in den Sinn, als ich noch ein Kind war. Ich schrie mich einfach heiser, wenn die Austria den Ball ins Tor von Ferencvaros traf, und mein Vater kaufte mir eine Knackwurst mir süßem Senf, wenn unsere Seite gegen die Ungarn gewonnen hatte. Plötzlich, nach dem Anschluss, gab es so etwas wie "unser" Wien nicht mehr. Über Nacht war meine Familie - mit Namen Mandelbaum - zu "den anderen", den Gegnern, geworden. Wir hatten keine faire Chance. Wir hatten die Wahl, zu laufen oder zu sterben.

Wir liefen. Wir liefen von Konsulat zu Konsulat und bettelten um ein Visum. Wien war zu einer Falle geworden. Wir waren die Ratten, die ihr entkommen mussten.

Am Vorabend unseres Aufbruchs nach London befand ich mich auf dem Heimweg von einem Abschiedsbesuch bei meiner Großmutter. Ein letztes Mal ging ich den lange vertrauten Weg durch Ottakring. Ich ging durch eine Stadtlandschaft aus abgewetztem Beton und rissigem Stuck. Kreischende Heil!-Plakate und rot-weiß-schwarze Hakenkreuzfahnen brachen aus dieser Ödnis hervor. Aber zwei Häuserblocks von unserer Wohnung in der Thelemangasse entfernt, nahm ich ein ungewohntes Brennen in meinen Fingerkuppen wahr. Sie waren voller Blasen. Überall auf diesem letzten Weg durch die Heimatstadt hatte ich - unbewusst - meine Hand im Vorbeigehen über jedes Haus gestreift. Ich hatte Hunderte von diesen rauen, schrammigen Mauern gestreichelt. Ich hatte berührt, soviel ich konnte, von dieser Stadt, die ich am nächsten Tag verlassen musste."

Service

Buch, Frederic Morton, "Etwas Süßes für die schwere Reis'", aus: Hubert Christian Ehalt (Hg.), "Ich stamme aus Wien", Bibliothek der Provinz

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Sendereihe

Playlist

Komponist/Komponistin: Franz Schubert/1797 - 1828
Textdichter/Textdichterin, Textquelle: Gerhard Roither /Transkription
Album: Concerti d'amore
* Allegro moderato - 1.Satz (00:08:52)
Titel: Konzert für Viola d'amore und Streicher in a-moll / Bearbeitung nach der Sonate für Arpeggione und Klavier DV 821
Solist/Solistin: Alexander Labko /Viola d'amore
Orchester: RIAS Sinfonietta
Leitung: Jiri Starek
Länge: 02:00 min
Label: Schwann musica mundi 316023

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