Ö1 Kunstsonntag: Tonspuren

Tonspuren

"Ich bin kein Prophet. Ich war bloß aufmerksam." Der japanische Dichter Jotaro Wakamatsu und die Atomkatastrophe von Fukushima. Feature von Judith Brandner

"Würde in Fukushima passieren, was in Tschernobyl geschehen ist, wie sähe meine Heimat aus?" fragte sich Jotaro Wakamatsu 1994 in einem Gedicht, nach einem Besuch in der ukrainischen Geisterstadt Prypjat. Der japanische Dichter nahm damit auf unheimliche Weise vorweg, was 17 Jahre später tatsächlich eingetreten ist: den Unfall im AKW Fukushima, die Evakuierungen, die radioaktive Verseuchung, die Angst.

Wakamatsus Heimatort Minamisoma wurde nach dem 11. März 2011 zur dreigeteilten Stadt - der südliche Teil kam in der 20-Kilometer-Sperrzone zu liegen. Auch aus den anderen Stadtteilen ist ein Großteil der Menschen fortgezogen. Wakamatsu ist geblieben, ein Warner und Mahner in unmittelbarer Nachbarschaft zum havarierten AKW.

Der 1935 in Iwate geborene Wakamatsu ist ein politischer Dichter, der seine Umgebung präzise beobachtet und seine Kritik an den Missständen im Land in Poesie verpackt. Wakamatsu war Mittelschullehrer, ist Mitglied des japanischen P.E.N und der Japan Contemporary Poets Association und hat zahlreiche Literaturpreise bekommen. -
Exklusiv für die "Tonspuren" hat die Übersetzerin Karin Kusunoki Wakamatsus Texte ins Deutsche übertragen.

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