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Viktor Frankl-Preisträgerin Boglarka Hadinger über den Sinn des Lebens

"Frankl hatte eine ganz große geistige Klarheit, auf der anderen Seite hatte er ein tiefes Gespür für das Leid eines anderen Menschen. Und auf der dritten Seite hatte er einen ganz großen Witz. - Diese Kombination erlebte ich noch nie in einem solchen Maße bei einem Menschen."

Die Begegnung mit Viktor Frankl habe ihr Leben entscheidend verändert, sagt die Psychologin Boglarka Hadinger. Anlässlich der Eröffnung des weltweit ersten Museums zu Ehren des Existenzanalytikers und Logotherapeuten Frankl, gestern in Wien Alsergrund, hält Frankl-Preisträgerin Hadinger heute Abend einen Festvortrag im Rathaus. "Die Welt ist nicht heil, aber heilbar" lautet der berühmt gewordene Leitspruch des 1997 verstorbenen Psychiaters, der heilte, indem er die Sinnfrage stellte. Denn die Abwesenheit von Sinn ist es, so Viktor Frankl, die viele Menschen krank macht, und: "Manchmal ist das Symptom das einzig Gesunde in einem falsch geführten Leben, und das lässt die Burnoutbetreuer aufhorchen, das lässt die unglaubliche Depressionsrate anders anschauen…Darum fragen wir: was ist nicht so gesund in unserer Lebensführung heute?"

Boglarka Hadinger leitet in Tübingen und Wien das Institut für Logotherapie und Existenzanalyse - sie beschränkt sich in ihrer Arbeit wie Frankl nicht auf akademische Übungen, sondern sucht handlungsorientierte Lösungen für Probleme, die entstehen, wenn Menschen ein sinnentleertes Leben führen. Etwa aufgrund ungleicher Verteilung von Arbeit:

Immer weniger Menschen müssen immer mehr rennen für einen Rest. Die einen, die immer schneller rennen, haben keine Zeit mehr zum Aufatmen, zum Ausatmen, kein Möglichkeit, weil sie keinen Funken von Zeitwohlstand, keinen Kraftwohlstand und dadurch bald keinen Beziehungswohlstand und Gesundheitswohlstand haben, während die anderen zwar unter Umständen in Zeitwohlstand leben, aber dafür in Sinnarmut. Und letztendlich fühlen sich alle an der Grenze ihrer Sinnmöglichkeiten - die einen, weil sie keine Kraft mehr haben und sich fragen: dafür lebe ich nur? Und die anderen, die sich fragen: wofür leben wir?"

Viktor Frankl, der die Konzentrationslager der Nazis überlebte und seine nächsten Verwandten, darunter auch seine erste Frau, im Holocaust verlor, sah den Sinn des Lebens in einem Absehen vom Ich, in der Hingabe an eine andere Person, an eine Sache oder an eine Arbeit.
Die Welt kann geheilt werden. Doch nicht Parteien, Religionen oder Experten sind die Heilsbringer, sondern einzig und allein humane Menschen, sagte Viktor Frankl. Humane und inhumane Menschen, dies seien die einzigen Unterscheidungen, die es quer durch Völker, Kulturen ja sogar Familien zu machen gebe.- Gestaltung: Christa Eder

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