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Strahlenfutter. Tschernobyl und Fukushima: Arbeiter in Atomkraftwerken. Feature von Judith Brandner

"Im AKW büßen die Menschen nicht nur ihre Gesundheit ein, sondern auch ihre Sprache und ihr Recht auf Selbstbestimmung. Von sich selbst sprechen sie als Strahlenfutter", schrieb Robert Jungk 1977 in "Der Atomstaat".

Iouli Andreev, der als Oberst der Sowjetarmee den Einsatz der Liquidatoren in Tschernobyl leitete, war im April 1986 einer der ersten Soldaten beim havarierten AKW in der Ukraine. Von Prypjat aus - heute eine Geisterstadt in der Sperrzone - befehligte er fünf Jahre lang den Einsatz zur Bewältigung der Katastrophe. Heute lebt er in Wien, mit nur einem Lungenflügel. Offiziell, weil er Kettenraucher war ...

Im AKW Fukushima arbeiten seit der Katastrophe vom 11. März 2011 täglich rund 4.000 Arbeiter. Der überwiegende Teil sind Tagelöhner bei Subfirmen der Betreiberfirma TEPCO. Wenn sie die zulässige Jahreshöchstdosis an radioaktiver Strahlung abbekommen haben, werden sie ausgetauscht. Die meisten Arbeitstage dauern aufgrund der hohen Strahlenwerte nur wenige Minuten. Die Bezahlung entspricht meist nicht dem Vereinbarten. Oft tritt die Mafia auf den Plan und kassiert einen Teil der Löhne.

Setsuya Hayashi hat zweimal im AKW Fukushima gearbeitet. Die versprochene Gefahrenzulage hat er nicht erhalten. Als einer der wenigen hat er dagegen geklagt. Die meisten haben Angst vor der Mafia und Sorge, überhaupt keine Arbeit mehr zu bekommen. Der schwerkranke, ehemalige AKW-Arbeiter Seiji Saitoh gründete vor rund 30 Jahren trotz massiver Bedrohungen die erste und bislang einzige Gewerkschaft für Atomkraftwerksarbeiter, die nur wenige Jahre existierte. Seit deren Zerschlagung in den 1980er Jahren haben die AKW-Arbeiter keine Stimme mehr - und bleiben Strahlenfutter. - Judith Brandner hat für "Hörbilder" in Japan und Österreich recherchiert.

Redaktion: Elisabeth Stratka

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