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Ilija Trojanow: Buch "Durch Welt und Wiese oder Reisen zu Fuß"

"Es geht um Weltanschauung, wortwörtlich genommen - nämlich: wie sehe ich die Welt? Ich behaupte, dass die Form der Anschauung das Entscheidende ist."

Wie sieht der Schriftsteller Ilija Trojanow die Welt? Am liebsten im Gehen. -
"Durch Welt und Wiese oder Reisen zu Fuß" heißt sein jüngstes Buch, das dieser Tage in der Anderen Bibliothek erscheint. Das Werk ist ein literarisches Bekenntnis, ein leidenschaftlicher Aufruf, sich auf die einfachste Art, nämlich Schritt für Schritt fort zubewegen. Denn Gehen, so Trojanow, bedeutet nicht nur, eine Strecke möglichst schnell hinter sich zu bringen, es ist die innigste und eindrucksvollste Form von Weltanschauung. Zu Fuß erreicht der Mensch einen besonderen Daseinszustand.

Im Gehen entwickeln sich die Gedanken. Kein Wunder, dass Dichter und Denkerinnen ihre Bücher so oft "mit dem Wanderstab statt mit dem Griffel schreiben" , wie Trojanow es ausdrückt. Er selbst hat im Lauf der Jahre zahlreiche ausgedehnte Wanderungen unternommen, und auf diesen langen Marschrouten in entlegene Gebiete der Welt führte er stets eine Art Dialoge mit imaginären Weggefährten aus der Literatur.

Trojanow lässt in sein Buch "Durch Welt und Wiese" Texte von den großen Pilgern der Literaturgeschichte einfließen: Da finden sich Erzählungen über das Gehen von Robert Walser und Virginia Woolf. Georg Büchner ist natürlich mit seinem "Lenz" vertreten und Gottfried Seume mit einem Auszug aus seinem berühmten "Spaziergang nach Syrakus". Und bekanntlich sind auch zeitgenössische Schriftsteller wie Peter Handke, Christoph Ransmayr und Bodo Hell wortreiche Wandersleut.

Das Denken im Gehen dient aber nicht nur der Erbauung, es ist auch subversiv: die weltbewegenden Ideen der Geschichte sind, so Trojanow, nicht in der Schreibstube, sondern auf der Straße entstanden. Doch in Zeiten, wo nur der kürzeste und schnellste Weg zum Ziel führt, ist der Müßiggänger, der Langsam-Geher schon suspekt.

Ilija Trojanow hat mit "Der überflüssige Mensch" heuer bereits ein monumentales Werk über die Würde des Menschen im Spätkapitalismus vorgelegt; für sein Buch "Der Weltensammler" - das Porträt eines Reisenden - hat er den Leipziger Literaturpreis erhalten. Er selbst hat schon die Strecke vom Indischen Ozean bis zum Tanganyika See zu Fuß hinter sich gelegt, und auch die Pflaster von Los Angeles und London kennt er buchstäblich. Er kennt die Höhen und die Tiefen einer Wanderung, die Blasen an den Füßen, die völlige Erschöpfung - und die Euphorie: Das Glück des Wanderers liegt nicht im Ankommen, sagt er, sondern in der Bewegung selbst.- Gestaltung: Christa Eder






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