Praxis - Religion und Gesellschaft

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"Im Land der Flussgeister" - Indigene in Nordostindien kämpfen ums Überleben. Gestaltung: Kerstin Tretina

Der Nordosten Indiens ist kaum bekannt. Dabei ist er kulturell und landschaftlich äußerst vielfältig: Mehr als 400 verschiedene, indigene Volksgruppen leben hier, viele davon haben ihre eigenen Sprachen. Dieser kulturelle Schmelztiegel beherbergt auch unterschiedlichste Religionen: verschiedene Hindu-Religionen, Christentum, Islam, Buddhismus und vor allem eben zahlreiche alte, indigene, religiöse Traditionen. Doch gesellschaftliche, wirtschaftliche, technologische Entwicklungen hinken in dieser Region hinterher. Prägend für den Nordosten sind auch heute noch gewalttätige, ethnische Konflikte, stagnierende Wirtschaft, Arbeitslosigkeit, Analphabetismus und Armut. Menschenhandel und Kinderarbeit florieren. Die indigenen Einwohnerinnen und Einwohner des Landes haben es besonders schwer. Kerstin Tretina hat konkrete Hilfsprojekte der österreichischen Dreikönigsaktion in Nordostindien besucht.

Die Flussinsel Majuli im Bundesstaat Assam liegt im mächtigen Strom Brahmaputra und war früher die größte Flussinsel der Welt. Mittlerweile hat sie der Fluss an ihren Rändern abgenagt. Auf Majuli leben mehr als 150.000 Menschen, die meisten von ihnen gehören zur indigenen Gruppe der Misings. Eva Wallensteiner, Projektreferentin der Dreikönigsaktion für Nordostindien, besucht seit Jahren immer wieder die Dörfer der Misings und erzählt: "Die Misings leben auf Pfahlbauten, weil ihr Land immer wieder überschwemmt wird. Die meisten leben von dem, was sie selbst anbauen."

Die Gruppe gilt als hinduisiert, aber Reste der alten religiösen Tradition der indigenen Gruppe haben sich gehalten. "Mutter Sonne" und "Vater Mond", gute und böse Geister haben für sie einmal eine große Rolle gespielt. Heute wissen sie nur mehr von einem Geist, der den Menschen sehr ähnlich sein und im Fluss leben soll: "Er heißt Jok", erzählen die Männer. "Wir spüren ihn noch manchmal, wenn wir fischen oder baden. Dann bekommen wir Angst. Um ihn zu besänftigen, opfern wir Tiere am Ufer."

Die Beziehung der Misings zu ihrem Fluss ist mittlerweile zwiespältig. Einerseits brauchen sie ihn zum Überleben, andererseits zerstört er immer wieder ihre Lebensgrundlage. Oft ist das Land monatelang überflutet. Aber nicht nur ihre Ernten werden immer wieder vernichtet, die Erosion frisst ihnen buchstäblich ihr Land weg, erklärt der Salesianerpater Thomas Kalapurackal, der sich seit Jahrzehnten mit der Kultur der Misings beschäftigt. Er schildert: "Der Fluss ist ein Fluch heute, kein Segen mehr wie früher. Sie sind verzweifelt. Sie können hier nicht weg, es gibt kein freies Land mehr, wo sie leben könnten."

Diese prekären Lebensbedingungen schlagen sich natürlich auch auf die ökonomische und soziale Situation der Misings nieder, so Kalapurackal. "Sie leben richtig isoliert am Ufer des Flusses. Es gibt kaum Infrastruktur, weder Straßen, noch Elektrizität, noch Kommunikationsmittel. Die Ernährung ist schlecht, die medizinische Versorgung ist schlecht, schwangere Frauen sterben auf dem langen Weg ins Krankenhaus. Und wenn es Schulen gibt, sind sie schlecht."

Nur 35 Prozent der Mising-Männer und 15 Prozent der Frauen können lesen und schreiben. Der Salesianerpater hat vor 14 Jahren begonnen, sich um jugendliche Misings zu kümmern. Daraus ist das DKA-Beispielprojekt ICARD geworden. Die jungen Menschen erhalten einen Schulabschluss und Berufstrainings, sie bekommen zudem Know-How in landwirtschaftlichen und handwerklichen Techniken wie Weben und Schneidern sowie Werkzeuge dafür. Nach einem zweijährigen Programm verpflichten sie sich, wieder in die Dörfer zurückzugehen, um die Situation dort zu verbessern und weitere Jugendliche zu motivieren.

Die 23-jährige Sumi Taye ist bereits Supervisorin von jüngeren ICARD-Teilnehmerinnen und -teilnehmern. Sie erzählt von ihrer Arbeit: "Die größten Probleme dieses Dorfes sind der Alkoholismus, die mangelnde Hygiene - es gibt keine Toiletten -, und die schlechte Bildung." Wenn die jungen ICARD-Mitarbeiterinnen und -mitarbeiter etwas verbessern möchten, müssen sie behutsam vorgehen, meint Sumi Taye, um nicht von Vornherein auf Ablehnung zu stoßen. Dafür haben sie ihre eigene Methode: "Wenn wir herausgefunden haben, wo es hakt, führen wir kleine Theaterstücke auf, in denen wir die Situation darstellen", sagt Taye. "Um den Leuten vor Augen zu führen, dass es Verbesserungsbedarf gibt."

In 460 Dörfern sind mittlerweile circa 7700 Jugendliche für ICARD aktiv, jedes Jahr werden 20 Jugendliche neu ausgebildet und diese erreichen wiederum 40 weitere Dörfer. Die Dreikönigsaktion unterstützt dieses Projekt schon fast seit Anbeginn.

Nordostindien ist heuer die Schwerpunkt-Region der Dreikönigsaktion, des Hilfswerks der Katholischen Jungschar. Die von den Sternsingerinnen und Sternsingern gesammelten Spenden kommen rund 500 Hilfsprojekten in Asien, Afrika und Lateinamerika zugute.

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