Gedanken für den Tag

von Elke Hesse, Direktorin des MuTh. "Innehalten". Gestaltung: Alexandra Mantler

Ich erinnere mich an meine Kindheit, die so wahnsinnig weiträumig war - alles hat da seinen Platz und seine Zeit gehabt - heute wird mir die Zeit zu eng - ja, sie läuft mir sogar davon.

Nicht Innehalten ist die Verweigerung, sich mit sich selbst auseinandersetzen zu wollen, sagt mein Coach und sie hat recht!

Schneller! Schneller! Noch schneller! Der Wunsch, möglichst viel in immer kürzerer Zeit immer schneller zu erreichen, wird zum Optimum. "Ich habe keine Zeit - bin grad in einem ganz wichtigen Termin oder ich kann jetzt gerade gar nicht " - damit entschuldige ich mich als Opfer des Zeitdrucks - eigentlich hat mich die Zeit gefangen. Durch die Mehrfachbelastung von Beruf, Familie und Haushalt entsteht bei vielen Menschen das Gefühl, dauernd unter Druck zu stehen und ständig gehetzt zu sein.

Es gibt tatsächlich die "Hetzkrankheit" (Hurry Sickness) und angeblich ist laut einer Umfrage im Jahr 2008 von GfK-Healthcare unter Frauen, jede 2. davon betroffen. Ein guter Freund sagt mir immer, dass "der rasende Stillstand" meine Form der Ruhe wäre und ich lächle immer dabei, weil es eigentlich genau den Punkt trifft und mir so passend erscheint - im Zuge der nun intensiveren Beschäftigung mit diesem Thema recherchiere ich und komme tatsächlich auf einen Beitrag - eine These des französischen Philosophen Paul Virilio, dass "… das nahezu erreichte paradoxe Endstadium der Geschichte der Beschleunigung ein Zustand des ‚rasenden Stillstands' sein wird. Nachdem die Menschheit zunächst durch die Domestizierung des Pferdes, dann durch die Erfindung von Eisenbahn, Auto und Flugzeug immer mächtiger wurde, wird die neueste Steigerung von Beschleunigung - das Erreichen von Echtzeit dank der Übertragungstechnologien - eine neue Ohnmacht zur Folge haben. Nach jahrtausendelangem Beschleunigungsfortschritt droht eine totale Regression: Reglos dasitzend und lichtsensibel auf das Geflimmer auf dem Bildschirm reagierend, wird der künftige Mensch als Hybride von Pflanzen vegetieren". Soweit die These von Paul Virilio.

Für mich eine eigenartige, wenn nicht furchtbare Vorstellung!

Service

Musik & Theater MuTh - Konzertsaal der Wiener Sängerknaben

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Sendereihe

Gestaltung

Playlist

Titel: GFT 160202 Gedanken für den Tag / Elke Hesse
Länge: 03:49 min

Komponist/Komponistin: Reinhold Gliere/1875 - 1956
Titel: Acht Duos für Violine und Violoncello op.39
* Nr.3 Wiegenlied (00:02:06)
Solist/Solistin: Ernö Sebestyen /Violine
Solist/Solistin: Martin Ostertag /Violoncello
Länge: 02:00 min
Label: Koch Schwann 317272

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