Wiener Findelhaus in der Alserstraße, Gemälde

WIEN MUSEUM/HEINZ RIEDLER

Betrifft: Geschichte

Betrifft: Geschichte

Das Wiener Findelhaus. Eine Institution zum Schutz von unerwünschten Kindern. Mit Verena Pawlowsky, Historikerin, derzeit am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien.
Gestaltung: Isabelle Engels

Wie in vielen europäischen Städten gab seit 1784 auch in Wien ein Findelhaus, das für die Aufnahme unehelicher Kinder zuständig war. Es war in Vergleich zu anderen Häusern dieser Art eine ungewöhnlich große Einrichtung, die von Frauen der Wiener Unterschichten im 19. Jahrhundert intensiv genutzt wurde. Über eine Dreiviertelmillion Kinder wurden der Einrichtung im Laufe der 126 Jahre ihres Bestehens übergeben, in vielen Jahren kamen mehr als 30% der in der Stadt geborenen Kinder in dieses Haus. Die Situation lediger Mütter in jener Zeit erlaubte den Frauen meist nichts anderes, als die Kinder der Findelanstalt anzuvertrauen. Gegründet von Josef II. und angetreten, den Kindsmord zu verhindern, wurde die Institution Findelhaus letztlich zu einer wichtigen Sozialeinrichtung der Stadt. In ihrem lebenserhaltenden Anspruch scheiterte sie jedoch. Die Aufnahme der Kinder in das Haus und ihre Weitergabe zu Kostfrauen führte infolge schlechter Ernährung und Pflege häufig zum frühen Tod dieser Kinder.

Profiteurin der Einrichtung war jedenfalls die Geburtshilfe, denn das Wiener Modell sah vor, dass Frauen, wenn sie ihre Kinder gratis abgeben wollten, den angehenden Hebammen und Geburtshelfern im Gebärhaus während der Entbindung als Lehrobjekte zur Verfügung stehen mussten.

Die Geschichte des Wiener Findelhauses reflektiert den Umgang mit unerwünschten Kindern, für deren Mütter - häufig waren es Dienstbotinnen - eine Familiengründung aus ökonomischen Gründen unmöglich war. Es ist aber auch die Geschichte eines Fürsorgemodells, das die Trennung von Mutter und Kind bis ins 20. Jahrhundert hinein konservierte. Erst 1910 schloss das Wiener Findelhaus seine Pforten.

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