Auslaufmodell Hausarzt?

Medizinische Versorgungsstrukturen im Wandel

Anlässlich der aktuell heißen Debatte zum Thema medizinische Primärversorgung, sowie des am 19. Mai stattfindenden "World Family Doctor Day", diskutiert Ronny Tekal mit seinen Gästen die jüngsten Entwicklungen und versucht der Frage auf den Grund zu gehen, ob der "gute alte Hausarzt" ausgedient hat.

Bald nur noch nostalgische Erinnerung?

Wenn vom "guten alten Hausarzt" die Rede ist, geraten viele Menschen - vor allem "ältere Semester" - geradezu ins Schwärmen: Zu jeder Tages- und Nachtzeit erreichbar, standen Herr und Frau Doktor früher stets mit Rat und Tat zur Seite. In Gesundheit- und Krankheitsfragen. Hausbesuche waren selbstverständlich. Fast wie von einem Familienmitglied sprach man respektvoll vom "Onkel Doktor".

Work-Life-Balance nicht zufriedenstellend

Doch diese Zeiten sind vorbei. Immer weniger Medizinerinnen und Mediziner erklären sich bereit, eine Hausarztpraxis zu übernehmen, vor allem in ländlichen Gebieten. Als zu belastend und finanziell unattraktiv gilt der Job. Für Frauen keine attraktiven Arbeitszeitmodelle. Daher schließen die Land-Praxen zunehmend ihre Pforten und erkrankte Menschen wenden sich an die ohnehin schon überlaufenen Spitalsambulanzen.
Dass also eine neue medizinische Versorgungsstruktur nötig ist, darüber sind sich die Player im Gesundheitssystem einig. Über das "wie" wird jedoch heftig gestritten.

Konzepte zur medizinischen Basisversorgung

Gesundheitsministerium sowie Sozialversicherung befürworten die Schaffung sogenannter "Primary Health Care" (PHC) - Zentren, also Primärversorgungs-Einheiten. Das sind im Prinzip Ordinationen, in denen mehrere Ärzte, sowie Vertreter anderer medizinischer Berufe zusammenarbeiten. Durch verpflichtende Öffnungszeiten von 50 Stunden pro Woche müssen Patientinnen und Patienten auch an Tagesrandzeiten nicht mehr in die Ambulanzen ausweichen, so die Idee. Zudem soll damit auch ein breiteres Leistungsspektrum angeboten werden können, wenn etwa Sozialarbeiter oder Pflegepersonal in den Zentren mitarbeiten. Der Mehraufwand wird von Land und Gemeinde finanziell abgegolten.
Übrigens, in jenen Ländern der EU, die ein gut ausgebautes PHC-System haben, werden die Menschen älter als in Österreich. Und noch wichtiger - die Zahl der gesunden Lebensjahre ist ebenfalls deutlich höher.

Pilotversuch in Wien

Das erste PHC in Wien-Mariahilf begann 2008 als Gruppenpraxis und ist seit 2015 Teil des Primärversorgungskonzeptes. Rund 7.000 Patientinnen und Patienten pro Quartal, 350 pro Tag, werden hier von zwei Ärzten und einer Ärztin betreut. Anfang September soll das zweite Wiener PHC beim SMZ-Ost eröffnen, auch in Oberösterreich gibt es erste Pilotprojekte.
In den kommenden fünf Jahren sind österreichweit 75 derartige Primärversorgungszentren geplant, das "Bundesgesetz über die Primärversorgung in Primärversorgungseinheiten" wird zurzeit vom Nationalrat begutachtet.

Umstrittene Konzepte

Die Interessensvertretung der Ärzteschaft geht indes auf die Barrikaden, bzw. demonstrierend auf die Straße. Zwar hat die Ärztekammer nichts gegen eine Zusammenschließung zu Gruppenpraxen einzuwenden, kritisiert jedoch die strengen Vorgaben. Von einer "Verstaatlichung" der Medizin ist hier genauso die Rede, wie von der "drohenden Gefahr einer Übernahme durch gewinnorientierte private Konzerne". Vor allem in ländlichen Gebieten würden solche Zentren einer wohnortnahen Versorgung entgegenwirken.
Die Standesvertretung verweist auf funktionierende Alternativ-Modelle einer Zusammenarbeit mehrerer Mediziner, etwa dem steirischen regionalen Ärzteverbund "Styriamed".
Nach den kürzlich überstandenen Ärztekammer-Wahlen haben sich die Mediziner als Verhandlungspartner wieder mehr auf die Sachebene begeben. Aufgrund der nun vorgezogenen Nationalratswahlen wird die Zukunft der Primärversorgung jedoch wohl noch etwas länger im Wartezimmer Platz nehmen müssen.

Sendungsgestaltung und Moderation: Dr. Ronny Tekal
Redaktion: Dr. Christoph Leprich

Fragen:
Werden Sie bereits in einer PHC-Einheit betreut und welche Erfahrungen haben Sie gemacht?
Würden Sie lieber eine Einzelordination aufsuchen?
Haben Sie noch einen "Hausarzt" vom alten Schlag?
Waren Sie jemals in der Nacht oder am Wochenende in einer Spitalsambulanz?

Ihre Meinungen und Erfahrungen interessieren uns. Rufen Sie uns an! Kostenlos unter 0800/22 69 79.

Service

Dr.in Naghme Kamaleyan-Schmied
Ärztin für Allgemeinmedizin
Obfrau der Sektion Allgemeinmedizin der Ärztekammer für Wien
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1210 Wien
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Naghme Kamaleyan-Schmied

Dr. Wolfgang Mückstein
Arzt für Allgemeinmedizin
PHC Primary Health Care Medizin Mariahilf
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PHC Primary Health Care Medizin Mariahilf

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Primärversorgung Neu - Bundesministerium für Gesundheit und Frauen
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Österreichischer Hausärzteverband
Österreichische Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin
Zweites Wiener PHC-Zentrum SMZ-Ost
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PHC Haslach/OÖ
Gesundheitsreformumsetzungsgesetz 2017
Primary Health Care - Österreich im internationalen Vergleich - Meduni Graz

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