Christian Rathner über Ingmar Bergman

"Nahaufnahmen". Zum 10. Todestag von Ingmar Bergman macht sich der Filmexperte und Journalist Christian Rathner Gedanken über das Leben und Werk des Filmemachers. Gestaltung: Alexandra Mantler

"Im Hause meines Vaters sind viele Wohnungen", sagt Jesus im Johannesevangelium. Für den schwedischen Pastorensohn Ingmar Bergman klingt das wie eine Drohung. "Ich bedanke mich herzlich", schreibt er, "aber wenn ich es geschafft habe, den Wohnungen meines Vaters zu entkommen, möchte ich nicht bei jemandem einziehen, der noch schlimmer ist."

Bergman erinnert sich an das Pfarrhaus als einen Ort, an dem man Masken trug und Rollen spielte. Er habe sich selbst zum Lügner ausgebildet, erzählt er. Sünde und Strafe waren allgegenwärtig, der strenge Vater, zuständig für Gott und Disziplin, züchtigte die Kinder auch körperlich. Ingmar fürchtete sich vor der biblischen Geschichte, in der sich Abraham bereit zeigt, seinen Sohn Isaak zu töten. In seinem letzten großen Kinofilm, Fanny und Alexander, erzählt er von Kindern, die im Haus ihres Stiefvaters, eines Bischofs, eingesperrt werden.

Gott wird zum Übervater. Bergman sagt, seine Gottesbeziehung sei quälend und freudlos gewesen, mit "nach Angst stinkenden Gebeten." Beginnend mit "Das siebente Siegel" von 1957 kreist er in mehreren Filmen explizit um die Gottesfrage. Eine Frau, der Gott als schreckliche schwarze Spinne erscheint. Ein Pastor, der um seinen Glauben ringt. Ein Magier, der das Resümee zieht: "Gott schweigt, und die Menschen reden."

Am Ende findet Bergman zu der Erkenntnis, dass das Leben nur den Sinn hat, den man ihm gibt. Die Gottesfrage ist für ihn erledigt, Glaube und Zweifel sind überwunden. In einem Interview sagt er: "Ich hoffe, dass dies die letzten Generationen sind, die unter dem Druck einer religiösen Angst leben." Aber er wendet sich nicht ab von den großen Fragen des Menschseins. Er bleibt dem Geheimnis des Daseins auf der Spur. Und holt seine Stoffe aus eigener Erfahrung, nicht zuletzt aus der Kindheit.

In "Wilde Erdbeeren" träumt ein alter Professor von seinen Eltern, die ihm von Ferne zuwinken. Es ist ein versöhnlicher Traum. In seiner Autobiografie erinnert sich Bergman auch an den Humor seines Vaters, beschreibt "seine muntere Leichtigkeit, seine Sorglosigkeit, Zärtlichkeit, Freundlichkeit, seinen Übermut." Dann folgt ein Satz von besonderem Gewicht: "Ich glaube, ich habe meinem Vater später oft großes Unrecht getan."

Service

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Sendereihe

Gestaltung

Playlist

Komponist/Komponistin: Jean Sibelius/1865 - 1957
Gesamttitel: 10 morceaux pour le piano op.58
Titel: Dialogue op.58 Nr.6 - für Klavier
Anderer Gesamttitel: 10 Stücke für Klavier op.58
Solist/Solistin: Erik T. Tawaststjerna /Klavier
Länge: 02:00 min
Label: BIS CD 195

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