Biene im Gegenlicht

DPA/FRANK RUMPENHORST

Radiokolleg

Radiokolleg - Das große Insektensterben

Wie Artenvielfalt und Ökosystem darunter leiden (1). Gestaltung: Madeleine Amberger

Wer früher im Frühjahr und Sommer eine längere Strecke mit dem Auto unterwegs war, musste regelmäßig anhalten, um die Windschutzscheibe von Insekten zu reinigen. Dies ist nun kaum mehr der Fall. Entomologen haben dafür einen Begriff geprägt: das Windschutzscheiben-Phänomen. Dass weniger Insekten tot auf den Scheiben landen, ist gewiss den verbesserten aerodynamischen Eigenschaften der Autos zu verdanken. Doch für Insektenforscher ist das Windschutzscheiben-Phänomen vor allem ein Gradmesser für das Insektensterben.

Wieviele Insekten in den vergangenen Jahren ausstarben bzw. an den Rand des Aussterbens gedrängt wurden, ist schwer zu sagen. Das liegt daran, dass sich Rehe, Ottern und Waschbären leichter zählen lassen als Schlupfwespen, Marienkäfer oder Florfliegen. Punktuelle Daten sind jedenfalls alarmierend. Die Hobby-Insektenforscher des Entomoligschen Vereins Krefeld in Deutschland sammeln seit 1989 Insekten in 63 deutschen Naturschutzgebieten. Ein Team britischer und niederländischer Forscher/innen wertete diese Daten von fast drei Jahrzehnten aus und kam 2017 zu dem schockierenden Schluss, dass der Rückgang bei Fluginsekten 75 Prozent ausmacht.

Die Hauptbedrohung für Insekten ist die vom Menschen vorangetriebene Veränderung der Landschaft. Grünflächen schrumpfen; industriell betriebene Landwirtschaft unter Einsatz von Pestiziden und Herbiziden nimmt zu. Forscher/innen konnten nachweisen, dass chemische Substanzen das Gedächtnis von Bienen beeinträchtigen. Die Insekten finden also nicht mehr den Weg zurück nach Hause. Nachtaktive Insekten wiederum werden durch die zunehmende Lichtverschmutzung beeinträchtigt. Für eine erfolgreiche Partnersuche brauchen sie die Dunkelheit.

Insekten entwickelten sich vor mehr als 400 Millionen Jahren. Sie machen zwei Drittel aller Tiere aus und umfassen über eine Million Arten. Ihr Niedergang wird zwangsläufig weitreichende Folgen nach sich ziehen, denn Insekten erfüllen viele wichtige Dienste in den Ökosystemen der Welt: Fluginsekten - allen voran die Bienen - bestäuben Nutzpflanzen. Ameisen produzieren Humus. Insekten spielen auch eine wichtige Rolle in der Nahrungskette: Sie dienen Vögeln, Amphibien und Fledermäusen als Futter.

Der britische Insektenforscher und Hummelexperte Dave Goulson führt einen bildhaften Vergleich über das Zusammenspiel von Artenvielfalt und dem Ökosystem an: Man stelle sich ein Flugzeug vor, bei dem sich die Nieten nach und nach lösen. Der Flieger wird zwar noch eine Weile dahinfliegen. Doch der Absturz ist nicht aufzuhalten.

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  • Madeleine Amberger