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ORF/JOSEPH SCHIMMER

George Perecs wundersame literarische Raumzipfelforschung

"Träume von Räumen" von George Perec. Aus dem Französischen übersetzt von Eugen Helmlé. Es liest Dörte Lyssewski. Gestaltung: Nicole Dietrich

Mit der Akribie eines soziologisch interessierten Philosophen und der Anarchie eines verspielten Clowns erkundet Georges Perec verschiedene Arten von Räumen: Er beginnt diesen sehr persönlichen Streifzug mit der leeren Seite und ihrer Beschriftung, geht dann zum Bett, zur Wand, zum Treppenhaus über, kommt zur Wohnung und zum Wohnhaus, wechselt auf die Straße, wandert durchs Wohnviertel, streift durch Europa und die Welt, um schließlich zum Begriff "l'espace", "Raum", zurückzukehren. Wenn Perec über die Erinnerung sinniert und sein räumliches Gedächtnis wachruft, ist der Raum zugleich Wortschatulle und Fenster mit Aussicht. Was wirklich, was erfunden ist, changiert wie das Tageslicht. Konventionelle Denkarten des Raumes, die im Alltag vorherrschen, werden durcheinandergewirbelt.

George Perec, 1936-82, zählt zu den großen Autoren Frankreichs. Er war ein Sprachspieler und Experimentator, der literarische Wunderwelten erfand und ausstattete. Als Mitglied der Dichtergruppe "Oulipo" ("Werkstätte für potentielle Literatur") unterwarf er sein Werk gewissen Regelzwängen. Perec verzichtete etwa auf einen bestimmten Buchstaben im Text und schrieb einen ganzen Roman ohne den Vokal "e" ("La disparition"; auf Deutsch: "Anton Voyls Fortgang"). Aber auch Erzählungen wie "Die Dinge" oder "Ein Mann, der schläft", "Das Leben. Gebrauchsanweisung" sind von Schreibmustern geprägt, zum Beispiel variierende Wiederholungen von Sätzen und Gedanken.

Service

Aus: George Perec, "Träume von Räumen". Aus dem Französischen übersetzt von Eugen Helmlé. Diaphanes, 2016 (2. Auflage)

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